Michel: Ich habe immer auf den Osten geschaut und auf die "blühenden Landschaften", die noch nicht so richtig ein Blütenmeer waren – und dachte: Irgendwann wird sich eine Wut Bahn brechen, auf welche Weise auch immer. Ich wusste: Da brodelt etwas. Das ging in den Neunzigern los mit dem massiven Abbau von Arbeitsplätzen und sozialen Standards und wirkt sich bis heute in die Führungspositionen aus, in denen nur wenige Menschen aus den neuen Bundesländern sitzen. Eigentlich sprechen wir von mangelnder Wertschätzung anderer gesellschaftlicher Erfahrungen. Und da haben wir noch gar nicht von der finanziellen Schere gesprochen. Es geht einfach nicht gerecht zu. Als sich in Dresden dann Menschen trauten, auf die Straße gehen, etwas zu sagen, fand ich das von Anfang an erst mal interessant. Auch wenn ich den meisten politischen Forderungen nicht zustimmen kann, und erst recht die Pegida-Führung sehr kritisch sehe – das wissen René und Sabine auch.

ZEIT: Pegida-Anhänger seien Wendeverlierer, liest man immer mal. Sehen Sie sich als solche, Frau Ban?

Ban: Ich kann mich gar nicht als Wendeverliererin sehen, weil ich beim Mauerfall fünf Jahre alt war und diese Zeit politisch überhaupt nicht bewusst wahrgenommen habe.

Jahn: Wendeverlierer sind aus meiner Sicht Leute, die dem SED-System hörig waren und ihm hinterhertrauern. Das trifft auf mich nicht zu. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass der Graben zwischen Ost und West immer größer wird. Es wundern sich einige, dass zu Pegida so viele Ältere gehen. In meinem Job als Hausmeister sehe ich viele alte Leute, die morgens Zeitungen austragen, weil die Rente nicht reicht. Die fragen sich: Warum ist für diejenigen, die jetzt in unser Land kommen, so viel Geld da? Das empfinden viele als Ungerechtigkeit, die aber zu selten von etablierten Parteien angesprochen wurde. Das tat die AfD. Deswegen denke ich: Die AfD hätte jeder gründen können, jeder hätte damit Erfolg gehabt. Auch wir hier am Tisch.

ZEIT: Die AfD ist inzwischen die parlamentarische Fortsetzung der einstigen Großproteste auf Dresdens Straßen. Haben Sie, Frau Ban und Herr Jahn, das Gefühl, das Land verändert zu haben?

Ban: Ich denke, dass sich viele Leute für Politik geöffnet haben. Das sieht man ja auch an der höheren Wahlbeteiligung. Aber politisch ist in der Praxis noch nicht so viel passiert, finde ich. Es wird nur geredet, besonders im Wahlkampf.

Jahn: Pegida hat das Land verändert, zweifelsfrei.

ZEIT: Frank Richter, ehemals Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, hat anfangs das Gespräch mit Pegida gesucht. Inzwischen sagt er, die Bewegung habe nun Züge einer Sekte.

Jahn: Ich schätze Frank Richter sehr, aber diese Aussagen sind aus meiner Sicht ein riesengroßer Fehler. Man kann doch nicht ein paar Tausend Leute diffamieren. Es mag sein, dass es Menschen gibt, die in Lutz Bachmann ihren Anführer sehen. Aber für mich ist das immer noch eine große Zusammenkunft der Unzufriedenen. Die Leute stehen zusammen, diskutieren über den Zustand des Landes. Das ist doch keine Sekte.

ZEIT: Erheben Sie Einspruch, Frau Michel?

Es gibt jede Menge Verlierer, Nicht-Versteher, Nicht-Mitgeher in dieser Gesellschaft. Ich hätte es schön gefunden, wenn aus diesem großen Unbehagen linke Proteste entstanden wären.
Sabine Michel

Michel: Ich bin ja nicht Politikerin oder Soziologin, sondern ich nähere mich der Sache als Dokumentarfilmerin. Und ich habe mich bewusst dafür entschieden, in meinem Film nicht die gesamte Pegida-Szene abzubilden, erst recht nicht die Führungsriege, mit der ich große Probleme habe – sondern nur drei Protagonisten. Das Wertvolle ist für mich, mit diesen Menschen jeweils in ein Gespräch zu kommen. Und mal nebenbei gesagt: Es gibt jede Menge Verlierer, Nicht-Versteher, Nicht-Mitgeher in dieser Gesellschaft. Ich hätte es schön gefunden, wenn aus diesem großen Unbehagen linke Proteste entstanden wären.

ZEIT: Sie haben Protagonisten ausgesucht, mit denen man reden kann. Wir Journalisten haben bei Pegida aber auch ganz andere Leute erlebt: aggressive, gewaltbereite. Beschönigen Sie die Bewegung, wenn Sie nur die drei Leute zeigen?

Michel: Nein, weil auch Beschimpfungs-Szenen zu sehen sind. Ich zeige Ausschnitte aus derben Reden, in denen man sieht, dass es darauf keinen Protest aus der Menge gibt. Dass das Radikale ohne Widerspruch bleibt. Auch in den Leben meiner Protagonisten beschönige ich nichts.

ZEIT: Frau Ban, Herr Jahn, Sie beide haben den Film schon gesehen. Wie finden Sie ihn?

Ban: Gut, ich fühle mich richtig dargestellt.

Jahn: Ich bin einverstanden. So, wie ich gezeigt werde, bin ich nun einmal und möchte mich nicht verbiegen. Und wissen Sie: Ich wollte mit Pegida immer etwas erreichen. Das alles ist für mich ja kein Hobby, so wie andere einen Fischteich pflegen. Natürlich freut es mich, wenn ich meine Meinung dann auch vertreten darf. Einmal saß ich sogar in der Talkshow von Sandra Maischberger. Es ist doch so, ich sage es mal so brutal: In Talkshows hauen sich Politiker, Journalisten, Politikwissenschaftler und manchmal noch irgendwelche Schauspieler gegenseitig die Taschen voll. Ich hingegen bin ein stinknormaler Hausmeister. Ich habe auch jetzt gerade frei bekommen von meinem Chef, weil der dieses Interview hier wichtig findet. Danach gehe ich auch gleich wieder Hecke schneiden.

ZEIT: Der Film wurde kürzlich beim Dokfilm-Festival in Leipzig uraufgeführt, einige aus dem Publikum haben heftig kritisiert, dass Sie, Frau Michel, zu vieles unkommentiert lassen würden, einfach nur filmen, was Ihre Protagonisten sagen. Trifft Sie diese Kritik?

Michel: Wir haben den Film ja im Leipziger Hauptbahnhof gezeigt, es waren 700 Leute da, und es ging in der Diskussion ganz schön zur Sache. Denn nach der Filmpräsentation standen das Filmteam, René und ich auf der Bühne, stellten uns den Fragen – und es kam mir manchmal so vor, als hätte ich ein ganzes Fußballstadion vor mir. Es gab einige, die sagten, ich würde "den Rechten eine Plattform" geben. Die wollen offenbar, dass in so einem Film nach jedem Statement der Protagonisten die richtige Sicht auf die Dinge dargelegt wird. Ich habe da ein ganz anderes Verständnis von meiner Arbeit. Ich zeige auf, beschreibe, beobachte und montiere das Material in einer künstlerischen Art und Weise, in der natürlich eine Haltung und viele Fragen zu erkennen sind. Die Wirkung muss beim Zuschauer entstehen.