Mit einer Flasche Grappa fing alles an. 1998, Familienurlaub am Gardasee. Ich war 12, meine Schwester 14. Unsere Eltern saßen abends auf der Terrasse des Ferienhäuschens, prosteten sich nach der Pasta mit langstieligen Gläsern zu. Ein kleiner Digestif? Im Urlaub ist das doch ganz normal.

Nichts war normal an diesem Abend. Ich habe meine Mutter zum ersten Mal so betrunken erlebt, dass sie sich plötzlich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Sie, die Kontrollierte. Damals dachte ich noch, das sei ein Ausrutscher.

Eigentlich waren wir eine Vorzeigefamilie. Meine Eltern hatten beide gute Jobs, ein Haus mit riesigem Garten, zwei Töchter mit prima Schulnoten. Und meine Kindheit war toll. Haustiere, Reitunterricht, lange Sommerurlaube – meine Mutter hat alles für uns getan. Für dieses perfekte Bild hat sie geschuftet wie eine Geisteskranke. Sie hat sich völlig verausgabt, um zu funktionieren. Nur dass sie irgendwann nicht mehr abschalten konnte. Noch heute verfluche ich die Apothekerin im Dorf, die meiner Mutter Apfelwein gegen den hohen Blutdruck empfohlen hat.

Seit 1968 gilt Alkoholismus als anerkannte Krankheit. Ich weiß das. Trotzdem begreife ich es nicht. Muss nicht die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind viel stärker sein als die Anziehungskraft einer Weinflasche? Was ist das für eine beschissene Krankheit, die Familien zerstört und menschliche Beziehungen zersetzt?

Mittlerweile bin ich erwachsen. Mit meiner Mutter spreche ich seit zwölf Jahren kaum noch. Damals hatten meine Schwester und ich ihr ein Ultimatum gestellt: Mach endlich einen Entzug, oder wir halten deine Nähe nicht mehr aus. Sie hat sich gegen uns und für den Alkohol entschieden. So zumindest empfinde ich das.

Heute kann ich es nicht ertragen, in der U-Bahn neben einem Menschen mit einer Fahne zu sitzen. Wenn jemand vor mir an der Supermarktkasse nur Bier und Schnaps aufs Band legt, muss ich den Impuls unterdrücken, ihn zu fragen, ob er Hilfe braucht. Ich kann durch geschlossene Türen riechen, ob nebenan jemand getrunken hat.

Ich habe mich deshalb oft einsam gefühlt. Aber allein war ich nie. Rund 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen in einer Familie mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil auf. Das bedeutet: Etwa jedes sechste Kind ist betroffen. Der Alkoholatlas 2017, herausgegeben vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, stuft den Alkoholkonsum von etwa 9,5 Millionen Menschen in Deutschland als riskant ein.

Die Sucht meiner Mutter begleitet mich seit meiner Jugend, mit ihr darüber reden konnte ich nie. Trotzdem will ich verstehen, was damals passiert ist. Mit ihr. Mit uns. Wie ausgerechnet meine Mutter so abrutschen konnte.

Ich beschließe, eine Selbsthilfegruppe für trockene Alkoholiker zu besuchen. Und mit ihnen über die Fragen zu reden, die ich meiner Mutter nie stellen konnte. Ich finde fünf Menschen, die bereit sind, sich mir zu öffnen. An fünf Abenden wollen wir uns treffen.

Erstes Treffen

Ein Freitagabend im Juni. Ausgerechnet der Geburtstag meiner Mutter. Auf dem Weg krampft mein Magen. Als würde sich auch mein Körper dagegen sträuben, die Erinnerungen von damals hochkommen zu lassen. Es nieselt. Passt ja, denke ich noch.

Die Gruppe trifft sich im Sucht-Therapie-Zentrum der Martha-Stiftung in Hamburg-Barmbek. Ein unscheinbarer Klinkerbau, gleich nebenan ein Supermarkt. Männer mit Bierdosen stehen davor. So war meine Mutter nie, denke ich.

Der Raum ist hell und freundlich. Yoga-Kissen liegen in der Ecke. Ein weißes Blumen-Tattoo klettert über die lilafarbene Wand. Auf dem Tisch liegen Schokoriegel. Es ist deutlich gemütlicher, als ich es erwartet hatte. Mit einer Tasse viel zu starkem Kaffee setze ich mich auf einen der grauen Stühle. Es ist gut, dass ich etwas zum Festhalten habe. Meine Hände tippen nervös auf die Tasse. Ich höre erst mal nur zu.