Kalt lässt er niemanden. Auch nicht die vier jungen Schweizer, die an diesem Montagabend im November in unserem Redaktionsbüro sitzen. Der Rapper sagt: "Das hat sich so in mein Hirn eingebrannt: Er ist der schlimmste Mensch, den es in der Schweiz gibt." Der junge Sozialist ärgert sich über die rechte Propaganda, schreibt seine Maturaarbeit über ihn. Und die Kauffrau aus Biel erinnert sich, wie sie im Fernsehen seine Abwahl aus dem Bundesrat verfolgte, Mitleid mit dem Mann bekam, und er zu ihrem Vorbild wurde.

Christoph Blocher, 77, prägte eine ganze Generation von jungen Schweizern. Sitzen sie an einem Tisch, spaltet er die Runde. Er hat sie politisiert.

Sie sind die Generation Blocher.

Seit vier Jahrzehnten ist der SVP-Strategiechef ein Teil des politischen Systems. Doch zur Überfigur, der das Land weit nach rechts führte, der heute möglich scheinen lässt, was früher undenkbar war, zum mächtigen Volkstribun, das wurde er vor genau 25 Jahren – am 6. Dezember 1992.

Damals entscheidet das Land über einen Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Es ist ein Kampf "das Volk" gegen "die classe politique", ein Kampf: Blocher gegen das wirtschaftliche und politische Establishment. Er gewinnt ihn.

Für die Älteren, die über 40-Jährigen, gibt es eine Schweiz vor und nach 1992, eine Schweiz vor und nach dem Aufstieg der SVP, der mit diesem Abstimmungssieg beginnt.

Für die Jüngeren aber war Blocher, der Bauer, Jurist, Industrielle, Bundesrat, Medienmogul, schon immer da. Und bald hat diese Generation das Sagen im Lande.

Doch was kommt da auf uns zu?

"1992 war ich de Trömp", sagte Christoph Blocher in seinem eigenen Online-Fernsehen zwei Wochen nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Doch anders als Trump hatte Blocher von Anfang an eine klare Strategie: Er will die Schweiz umbauen. Zu einem Land, das mit Europa, der Welt, zwar intensiv Handel treibt, sich aber aus fremden Händeln und Verträgen raushält. Ein Land mit schwachen Institutionen, das die Kunst des guten Kompromisses aufgibt und in dem es fortan heißt: The winner takes it all. Ein Land, das sich nicht um seine Minderheiten kümmert – außer sie sind Bauern. Ein Land auch, in dem Frauen nur dann die Chance erhalten sollen, gläserne Decken zu durchbrechen, wenn sie die eigenen Töchter sind.

Ja, die Rechten haben durchaus Ideen, wie sie die Gesellschaft gestalten wollen. Oder wie Blocher sagen würde: Ich habe einen Auftrag. Und diesen verfolgt er nicht aus einer dumpfen Wut heraus, sondern aus einer Lust, einem Willen. Zum Neuen, zur Macht.

Was also tut die Generation Blocher: Ist sie abgestumpft von all dem, was sie in ihrem jungen politischen Leben bereits erlebt hat – oder lehnt sie sich auf gegen dieses neue Normal?

Wobei: Normal ist das nicht, dass die Schweizer bald über die Kündigung der Europäische Menschenrechtskonvention entscheiden müssen. Normal ist das nicht, dass eine Partei damit liebäugelt, die bilateralen Verträge mit der EU aufzukündigen. Normal ist das nicht, wenn eine Volksinitiative, die das öffentliche Radio und TV abschaffen will, keine Spinnervorlage mehr ist, sondern ernsthaft diskutiert wird – und intakte Chancen hat, angenommen zu werden.

Doch die Generation Blocher hat die SVP-Imperative bereits völlig verinnerlicht: Es gibt kein richtiges Leben im falschen – außer in der Schweiz. Selbst junge Linke reden so, als lebten sie hierzulande in der besten aller möglichen Welten. Die tektonischen Verschiebungen haben in der politischen Geologie des Landes ihre Spuren hinterlassen. Es mangelt, nicht nur unter den Jungen, an einem realistischen Blick auf die Schweiz und die Welt, und es mangelt an einem Gespür für alternative Szenarien. Was, wenn nicht alles so weitergeht wie bisher? Was passiert, wenn die EU enger zusammenrückt, was, wenn sie zerbröselt? Was geschieht, wenn die Nato weiter schwächelt, was, wenn Russland weiter aggressiv trommelt? Was tut die Schweizer Exportwirtschaft, wenn die großen europäischen Freihandelsabkommen mit den USA oder Kanada trotzdem kommen? Was, wenn Präsident Trump seinen heimischen Markt noch stärker schützt?

Im ZEIT-Gespräch sagt der Schweizer Rapper Mimiks, Sohn einer alleinerziehenden Mutter, aufgewachsen im Arbeitermilieu: "Es ist im Vergleich mit der Welt doch recht chillig hier." Was er meint: Die Generation Blocher steckt in ihrer Wohlfühlblase und ist vorderhand mit sich selber beschäftigt. Gleichzeitig, und das lässt hoffen, ist die Generation Blocher auch die Generation Erasmus. Das Europa der Schlagbäume hat sie nie erlebt, den Eisernen Vorhang kennt sie nur aus den Geschichtsbüchern. Ob sie auf diese Offenheit verzichten möchte? Wohl kaum. Doch um sie bei ihren bedrohten Freiheiten abzuholen, die sie geerbt und nicht erkämpft haben, braucht es eine neue Verheißung. Nicht von rechts, aber auch nicht von links, wo man längst selber mit der Offenheit der Welt fremdelt.

Die Liberalen, die Wirtschaft sind nun gefordert. Gesucht ist kein neues Narrativ, gefragt ist keine pinkfarbige Pop-up-Politik, sind keine hübschen Kampagnen. Stark und vernetzt, schön und gut – aber was, bitte, sind eure Ideen?

Bislang ist es in der Schweiz immerhin noch Common Sense, die EU und die Verträge mit ihr als notwendiges Übel zu betrachten. Allerdings will heute fast ein Drittel der Schweizer die bilateralen Verträge aufkündigen, so viele wie noch nie. Das zeigte das Anfang Woche veröffentliche Europa-Barometer der Großbank Credit Suisse.

In zwei Jahren sind in der Schweiz wieder Wahlen. "2019 bin ich dä Macron." Diesen Satz möchte man dann von der Generation Blocher hören.