Die "selbstlose, uneigennützige und auf keinen persönlichen Vorteil bedachte Führung der Dienstgeschäfte ist eine der wesentlichen Grundlagen eines am Wohl aller Bürger ausgerichteten öffentlichen Dienstes", heißt es in der Hamburger "Bekanntmachung über die Annahme von Belohnungen und Geschenken". Will heißen: Auch wenn ein Behördenmitarbeiter persönlich durchaus Lust auf eine sonnige Open-Air-Sause in einem öffentlichen Park hätte, muss er eine solche untersagen, sofern es die entsprechende Dienstvorschrift gebietet. Erfreulicherweise ist die Grünanlagen-Verordnung in diesem Fall recht interpretierbar. Öffentliche Grünflächen sind Anlagen, "die der Gesundheit und Erholung der Bevölkerung dienen", heißt es dort. Und warum sollte ein Rolling-Stones-Konzert im Stadtpark nicht der Gesundheit und Erholung der Bevölkerung dienen?

Damit sich die Behördenmitarbeiter davon überzeugen können, dass der Auftritt des greisen Mick Jagger tatsächlich erholsam und gesundheitlich zuträglich ist, hat der Konzertveranstalter dem Bezirksamt Nord, das für die Genehmigung des Stones-Konzerts im Stadtpark zuständig war, hundert Freikarten überreicht. Pardon: Nicht Freikarten! Es handelt sich um "Arbeitskarten", wie der Behördensprecher mitteilte.

Die Mitarbeiter hätten sich einen "unmittelbaren dienstlichen beziehungsweise politischen Eindruck" von der genehmigten Veranstaltung machen müssen. Natürlich! Immerhin gibt es die Rolling Stones schon seit 1962, und man sollte scharf beobachten, ob sie mit der modernen Technik und der urbanen Botanik pfleglich umgehen. Rockstars, die Hotelzimmer verwüsten, ist alles zuzutrauen. Sympathy for the Devil – schon vergessen?

Die Hamburger Staatsanwaltschaft allerdings findet es nicht unmittelbar einleuchtend, dass dafür gleich eine ganze Hundertschaft Behördenmitarbeiter mit Karten versorgt werden musste – im Gegenwert von insgesamt rund 10.000 Euro. Sie ermittelt wegen Vorteilsannahme. Das Bezirksamt Nord argumentiert, man habe die Karten an Auszubildende und Mitglieder der Bezirksversammlung verteilt, was die Angelegenheit nicht einleuchtender macht. Was denn jetzt: Arbeits- oder Freikarten? Offensichtlich kam es der Behörde selbst ein wenig dubios vor, derart mit Tickets überhäuft zu werden, weshalb sie die heiße Ware lieber an vermeintlich Unverdächtige weitergegeben hat.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Mitarbeiter des Bezirksamts beim Umgang mit Genehmigungen eine eigenwillige Inkonsequenz an den Tag gelegt haben. Wir erinnern uns: Im Vorfeld des G20-Gipfels hatte die Behörde offiziell festgestellt, dass ein Protestcamp von bis zu 10.000 Menschen im Stadtpark nicht mit der Grün- und Erholungsverordnung vereinbar sei. Zu hoch sei die Gefahr von Schäden, und außerdem stünde der Park dann nicht den Bürgern zur Verfügung. Im Falle der Stones spielten diese Bedenken keine Rolle, obwohl die Veranstalter 82.000 Besucher erwarteten und die Festwiese abgesperrt wurde. Rein kam nur, wer eine Karte hatte, und die kosteten regulär bis zu 800 Euro.

Wurden der Behörde die Tickets als Belohnung für diese Unterscheidungsfähigkeit überreicht? Beim Konzertveranstalter heißt es, die Frei..., äh, Arbeitskarten entsprächen einer "langjährigen branchenüblichen Praxis". Auch eine interessante Auskunft.