Der Autor selbst nannte sein dickes Typoskript einen "merkwürdigen Pudding". Er hatte in den Notizen, die er in den Kriegsjahren zwischen Juli 1940 und August 1944 niederschrieb, seine Gedanken und Erlebnisse, Lektüren und Aphorismen bunt durcheinandergerührt. Und obwohl der Mann ein arrivierter Journalist und Schriftsteller war, wusste er nicht recht, ob und wie er das alles veröffentlichen sollte.

Daher bat er einen Freund, den Historiker Lucien Febvre, das Konvolut zu sichten, zu straffen und nach Möglichkeit publikationsreif zu machen. So konnte das Buch des französischen Kunstkritikers und Schriftstellers Léon Werth schon 1946 unter dem schlichten Titel Déposition, "Zeugenaussage", erscheinen. Da es sich aber politisch nicht vereinnahmen ließ, erfuhr es seinerzeit keine große Resonanz. Allein unter Spezialisten galt die Beschreibung der Jahre unter dem kollaborierenden Vichy-Regime in einer burgundischen Kleinstadt als Geheimtipp.

Wer war Léon Werth?

Dann wurde sie Anfang der neunziger Jahre von dem Zeithistoriker Jean-Pierre Azéma wieder aufgelegt und kommentiert, und nun liegt diese Ausgabe in einer äußerst sorgfältigen, gegenüber der französischen Edition noch einmal verbesserten deutschen Übersetzung vor. Was wir vor uns haben, ist allerdings alles andere als ein "Pudding", viel eher eine Art Bœuf bourguignon der feinsten Art, das uns Lesern der Autor Léon Werth in seiner Zufluchtsstätte in Saint-Amour bereitet hat, als er aufschrieb, was er erlebte.

Wer war Léon Werth? Dem breiten Publikum sagt sein Name wohl nichts mehr, obwohl jeder und jede ihm schon einmal begegnet sein müsste, und zwar auf der Widmungsseite des Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry, die da lautet: "Für Léon Werth, als er ein kleiner Junge war". "Saint-Ex" und Werth waren seit den dreißiger Jahren eng befreundet, und der fliegende Schriftsteller kam häufig nach Saint-Amour, um den Kollegen dort in dessen Ferienhäuschen zu besuchen. Nach dem Einmarsch der Deutschen, als Werth wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner linken Sympathien in Paris besonders gefährdet war, hatte er sich an diesen abgelegenen Ort zurückgezogen, der in der von den Deutschen nicht besetzten Vichy-Zone lag. Saint-Exupéry widmete ihm damals eine Art offenen Brief, gleichsam stellvertretend für alle, die sich in Frankreich verstecken mussten: Lettre à un otage ("Brief an eine Geisel"; deutsch unter dem Titel Bekenntnis einer Freundschaft, Insel-Verlag).

Werths Tagebuch dieser Jahre bildet gleichsam die Fortsetzung seines posthum veröffentlichten Manuskripts über die Flucht aus Paris, das unter dem Titel 33 Tage erschien (ZEIT Nr. 13/16). Fast täglich notiert er auch nach dieser Flucht alles, was er erlebt oder was ihm durch den Kopf geht. Er berichtet von Besuchen beim Metzger oder im Bahnhofsbuffet, wo die Gerüchte brodeln. Von einsamen Spaziergängen im Wald, wo er dem Grundbesitzer begegnet, der mit Regierungschef Pétain sympathisiert. Von Besuchen seines Nachbarn Febvre, der von seinem kriegsgefangenen Schüler Fernand Braudel erzählt und die Fahnen seines Rabelais-Buches vorbeibringt.

Werth ist stets neugierig, manchmal aber auch verzweifelt, ja ängstlich. "Wer einen Sohn hat, ist verwundbar", schreibt er. In der Tat muss er sich, weil seine Frau weiter in Paris lebt, um seinen Sohn Claude kümmern, der im nahen Bourg-en-Bresse das Gymnasium besucht und von den haarsträubenden Auffassungen der Lehrer und Schüler berichtet. Sorgenvoll verfolgt Werth die Nachrichten in Rundfunk und Presse. Aber was ist daran wahr, was ist Propaganda? Und was ist von den Gerüchten zu halten, die sich wie Gift in jedes Gespräch einschleichen und mal eine baldige Landung der Alliierten, mal unfassbare Erfolge der Deutschen verkünden?

Werth träumt sogar von Goethe

Auffällig und bedrückend ist die zunehmende Entfremdung des Schreibers von seiner Umgebung: "Mir ist übel vom Städtchen (...). Ich habe eine erzwungene Vertrautheit mit ihm, wie mit einem Reisenden im Zug, wie mit einem Tischnachbarn in einer Pension." Umso wichtiger sind Gespräche mit Freunden. Vor allem Lucien Febvre bringt immer Neuigkeiten aus Paris oder entwirft mehr oder weniger optimistische Geschichtsbilder. Ein besonderes Glück verbindet sich mit den Besuchen seiner Frau. "Suzanne ist eingetroffen", heißt es dann, "und kuriert mich von meinem Defätismus. Ich begebe mich wieder ins Herz der Ereignisse."

In Wahrheit ist Léon Werth jedoch die meiste Zeit allein. In der Einsamkeit konzentriert er sich auf einige Bücher, die er vorfindet oder kaufen kann. Manchmal sind es Zufallsfunde, meist jedoch Klassiker wie die Romane von Stendhal oder die Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. Immer wieder bezieht er sich auf Pascal und Spinoza, die für ihn die wichtigsten Philosophen sind. Außerdem liest er die 1943 veröffentlichte Übersetzung der Eckermann-Gespräche; eines Nachts träumt er sogar von Goethe.

Werths Einsamkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Während er anfangs halb spöttisch vermerkt, er habe jetzt "alle Muße", sich mit seinem "Ich" zu beschäftigen, ist er bald wie gelähmt: "Ich fühle mich wie jene Insekten, die nicht mehr fliehen können und sich tot stellen." Am Ende ist er nur noch deprimiert: "Allein. Im Städtchen gibt es durchaus einige, mit denen ich sterben könnte, für Frankreich, für die Freiheit, für die Revolution (...). Aber es gibt keinen einzigen, mit dem ich leben könnte."

Als Frankreich unter der Gestapo litt

Es ist wohl diesem Grund geschuldet, dass Werth trotz des Risikos im Januar 1944 zu seiner Familie nach Paris zurückkehrt. Dort verlässt er aber kaum die Wohnung: "Ich verstecke mich", schreibt er, "ich bin eine Spinne im Netz. Von Zeit zu Zeit verfängt sich ein Gerücht darin." Eine der seltenen Ausnahmen ist ein Essen bei den Febvres, zu dem auch der Historiker Marc Bloch und seine Frau eingeladen sind: "Gestern bei Febvre, mit den Blochs. Eine schöne Tischdecke und Kristall unterm Licht (...). Wir sprechen nicht gleich über die Ereignisse."

Bald darauf wird es ernst, der Krieg und der Kampf der Résistance spitzen sich zu. Im März 1944 wird Marc Bloch von der Gestapo verhaftet, gefoltert und kurz nach der Landung der Alliierten ermordet. Léon Werth und sein Sohn Claude dagegen erhalten die Chance, sich im August an der Befreiung von Paris zu beteiligen. Damit endet "die Zeit, die stillstand", und auch dieses Tagebuch. Als die Zeit stillstand ist eines der scharfsinnigsten, fast man möchte sagen schönsten Dokumente der tristen Jahre, in denen Frankreich unter Wehrmacht und Gestapo litt.

Léon Werth: Als die Zeit stillstand. Tagebuch 1940–1944. A. d. Frz. v. B. Heber-Schärer u. T. Scheffel; Vorwort von G.-A. Goldschmidt; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017; 934 S., 36,– €, als E-Book 29,99 €