Neunzehn Stunden nach dem spektakulären Scheitern der Jamaika-Verhandlungen stehen in Berlin auf einer Bühne zwei Männer, die von Beginn an gegen diese Koalition waren. Edmund Stoiber, der ehemalige bayerische Ministerpräsident. Und Jens Spahn, der junge CDU-Politiker, der sich in der Flüchtlingsfrage als Merkel-Kritiker profilierte. Beide haben sich in den vergangenen Wochen mal offen, mal verdeckt gegen eine schwarz-gelb-grüne Regierung ausgesprochen.

An diesem Abend soll der Ältere dem Jüngeren einen Preis überreichen. Es ist eine dieser Veranstaltungen, die in Berlin Routine simulieren, während draußen vor der Tür das politische Chaos herrscht. Eigentlich müssten sich Stoiber und Spahn in diesem Moment und auf dieser Bühne freuen, über den Preis und über das Ende der Verhandlungen. Aber richtig froh wirken sie nicht. Denn so paradox es klingt: Jamaika mag gescheitert sein. Doch Angela Merkel ist gestärkt. Wieder einmal.

Ungefähr zur gleichen Zeit an diesem Abend ist die Kanzlerin im Fernsehen zu sehen. Was nun, Frau Merkel?, fragt das ZDF. Wirkte Merkel in den vergangenen Wochen oft müde bis zur Teilnahmslosigkeit, erleben die Deutschen sie nun obenauf: Selbstverständlich trete sie im Fall von Neuwahlen wieder an, sagt Merkel. Alles andere wäre "komisch".

Die Frau, die lustlos verkündet hatte, noch einmal als Kanzlerin zu kandidieren; deren größte Leistung im Wahlkampf es war, ihn durchzustehen; die wochenlang versuchte, eine Regierung zu bilden, und nun mit leeren Händen dasteht: Diese Frau wirkt auf einmal, als sei sie einem Jungbrunnen entstiegen. Was Martin Schulz im Wahlkampf nicht schaffte – Merkel wirklich herauszufordern –, ist einem anderen gelungen: Christian Lindner. Der FDP-Chef ist die größte Provokation für Merkel seit Gerhard Schröder, der erste wirkliche Gegner.

Auch die Aufstellung für mögliche Neuwahlen ist klar: Gekämpft würde um die bürgerliche Mitte. Hier Merkels linke Mitte, die offen ist für Regierungen mit SPD und Grünen. Da Lindners rechte Mitte, die beansprucht, die Republik zu verändern.

"Stabilität" ist das Wort, das Merkel in diesen Tagen am häufigsten verwendet, als Verkörperung der Stabilität gilt sie selbst. Dabei ist Merkel eigentlich die Kanzlerin der Veränderung. Während ihrer Regierungszeit hat das Land sich aus der Atomkraft verabschiedet und die Wehrpflicht abgeschafft. Ihre Partei, die CDU, hat sich in dieser Zeit nicht nur verändert, sie ist kaum wiederzuerkennen. Merkel selbst aber hat alles getan, um diese Disruptionen – auch so ein Lieblingswort von ihr – vor den Deutschen und ihrer Partei zu verbergen.

Weil sie gerne in Deckung bleibt und oft lange überlegt, halten viele Merkel für vorsichtig. Das ist sie auch, aber eines ist sie nicht: ängstlich. Schon gar nicht, wenn es um Veränderungen geht. Immer hat sie darauf anders reagiert, als man es vielleicht erwartet hatte: den Blick ungerührt nach vorne gerichtet. So war es, als sie sich von Helmut Kohl löste; als sie Fukushima zum Anlass nahm, ihre eigene Energiepolitik zu korrigieren; als eine Million Flüchtlinge ins Land kamen. So scheint es auch jetzt zu sein. Eigentlich hatten alle Experten erwartet, dass Merkel sich zurückziehen würde, falls Jamaika scheitert. Nun ist sie in ihrem Element – und die Experten sind wieder einmal düpiert.