Mit ein paar Tönen im Hallraum fängt es an: Zart und zerbrechlich sind sie, vieldeutig, wie aus einem edlen, dunklen Holz. Töne fügen sich zu Linien, Bögen, Melodien. Sie nähern sich, werden kräftiger, dichter, identifizierbar: Töne einer Oud, einer Kurzhalslaute, die als eines der zentralen Instrumente der arabischen Musik gilt. Ein Kontrabass tastet sich heran, unterstreicht die Kontur der Melodie und ihren harmonischen Verlauf, bevor sich ganz leise und delikat das Sirren der Becken eines Schlagzeugs in das gemeinsame Spiel einbringt. Später kommt noch ein Klavier dazu, nimmt Verzierungen und melodische Floskeln der Oud auf, wirft sie zurück und hält den Klang im Fluss: Das ist Opening Day, die Komposition, mit dem Blue Maqams einsetzt, das neue Album des Tunesiers Anouar Brahem. Er spielt die Oud. Zusammen mit dem Kontrabassisten Dave Holland, dem Schlagzeuger Jack DeJohnette und dem Pianisten Django Bates, drei ausgewiesenen Jazzmusikern also, erzählt er hier implizit die Geschichte der Annäherung zweier musikalischer Sphären in einem Balanceakt der Schönheit.

Der Oud-Spieler Brahem versucht sich seit Langem an dieser Balance, und er ist weder der Einzige noch auch nur der Erste, der im west-östlichen Kräftefeld nach neuen Wegen forscht. Sein libanesischer Kollege Rabih Abou-Khalil stellt seit vielen Jahren den Klang der Oud ins Zentrum seiner Musik. Der aus Beirut stammende Pariser Trompeter Ibrahim Maalouf sowie Amir ElSaffar, ein irakisch-amerikanischer Trompeter aus Chicago, verwenden speziell konstruierte Instrumente, um an die Tonalität der arabischen Musik anschließen zu können. In den letzten Jahren hat die Bewegung an Schwung gewonnen. Doch während all die genannten Musiker klar unterscheiden zwischen ihren eher arabischen Projekten, in denen sie die Tonalität des Orients einfach über einen Groove ausbreiten, und ihren eher westlichen Projekten, in denen das wohltemperierte System von Dur und Moll regiert, versucht sich Brahem gar nicht erst als Jazzmusiker, sondern tanzt über den Grat, auf dem die Musik keines von beiden und beides zugleich ist.

Geboren im Oktober 1957 in Halfaouine, einem alten Stadtteil in der Medina von Tunis, beginnt Anouar Brahem früh mit dem Spiel auf der Oud. Mit zehn studiert er am Konservatorium, mit 15 spielt er im Orchester, mit 18 ist die Musik sein Beruf. Er schreibt eigene Stücke und hält Ausschau nach Anregungen, interessiert sich für neue Formen auch der arabischen Musik. "Man kann nicht so einfach von der arabischen Musik sprechen", sagt Brahem. "Es gibt klassische arabische Musik, Musik für Gelehrte, das ist ein bisschen so wie in der europäischen Klassik. Diese Kunstmusik habe ich studiert, es gibt da eine große Zahl verschiedener Modi, alles ist sehr kompliziert. Gleichzeitig gibt es beispielsweise in Marokko eine sehr vielfältige, populäre arabische Musik. Und auch in der traditionellen arabischen Musik gibt es viele verschiedene Schulen, so etwas wie mittelöstlich, ägyptisch, syrisch, libanesisch, irakisch – es gibt da große Unterschiede beispielsweise zur andalusischen Schule aus dem Maghreb."

Gemein ist all diesen Formen, dass sie auf dem Maqâm beruhen, einem hochkomplexen System von Skalen, welche die Oktave nicht wie die wohltemperierten Skalen der europäischen Tradition in gleichmäßige Halb- und Ganztonschritte unterteilen. "Die arabische Musik kennt keine Polyphonie, stattdessen gibt es ein sehr weites modales Feld mit vielen, vielen verschiedenen Skalen voller Vierteltöne und Mikrotöne." Zusammen mit den Tönen eines Klaviers klingen die mikrotonalen Beugungen der Töne eines Maqâm sehr dissonant.

Das Feld der Maqamat ist komplex, mit seinen spezifischen Spielanweisungen zu jedem einzelnen Maqâm. Forscherdrang oder Grenzenstürmerei sind in der klassischen arabischen Musik nicht vorgesehen. "Ich hatte das Gefühl", sagt Brahem, "dass die arabische Musik eine Sorte von Konformismus transportiert, das geht bis hin zum Kitsch. Ich wollte Teil einer Erneuerung der arabischen Musik sein, wollte mithelfen, eine zeitgenössische Ausdrucksform zu schaffen."

Während Anouar Brahem mit den eingeschränkten Möglichkeiten der Tradition hadert, hört er zufällig Keith Jarretts Köln Concert, ist fasziniert und gerät in den Bann des Jazz. Anfang der achtziger Jahre geht der Oudspieler nach Paris, knüpft ein Netz von aufgeschlossenen Musikern, spielt, so viel er kann, und schreibt Musik für Ballett, Theater und Film. Längst ist das leere Blatt Ursprung seiner Musik, und Brahem legt Wert darauf, seine Musik unabhängig von stilistischen Kategorien zu entwickeln.

"Ich versuche so frei zu sein wie möglich. Ich muss das Gefühl haben, dass alles geschehen kann, dass meine Imagination als Komponist in jede Richtung weisen kann. Mit einer Komposition bewege ich mich in ein Universum, das mir selbst nicht vertraut, das weder arabische Musik noch Jazz ist." Gerade weil es seiner musikalischen Herkunft so fremd ist, kommt Brahem immer wieder auf das Klavier zurück und auf dessen Reibung mit seiner eigenen Instrumentalstimme, dem Klang der Oud.