Fatih Akins neuer Film beginnt und endet mit dem Bild einer Explosion. Dazwischen treffen zwei Geschichten aufeinander. Die eine erzählt die Tragödie einer Deutschen namens Katja, die durch einen Bombenanschlag ihren kurdischen Ehemann Nuri und ihren fünfjährigen Sohn Rocco verliert und sich auf den einsamen Weg der Selbstjustiz begibt. Als sie eines Abends zu dem Übersetzungsbüro kommt, das Nuri, ein ehemaliger Drogendealer, in Hamburg betreibt, ist die Straße abgesperrt. Kreisende Lichter von Polizeiautos zerfetzen die Dunkelheit. Ein Neonazi-Pärchen hat das Büro mit einer ferngezündeten Nagelbombe in die Luft gejagt.

Von einer Sekunde zur nächsten wird Katja alles entrissen, was in ihrem Leben zählt. Was ihr bleibt, ist nichts außer dem Wunsch nach Rache und dem Ringen mit sich, ihn in die Tat umzusetzen. Auf eigene Faust spürt sie die in einem Indizienprozess freigesprochenen Täter in Griechenland auf, beobachtet sie tagelang, plant und verwirft ihre Rachetat, führt sie schließlich auf beklemmende Weise aus. Wie Aus dem Nichts den Zuschauer in einen seelischen und moralischen Konflikt von schier antiker Wucht hineinzieht, das ist großes Kino. Und wie Diane Kruger die Tragödin darstellt, ebenso.

Sie spielt hier zum ersten Mal in einem deutschsprachigen Film und wurde bei den Filmfestspielen in Cannes als beste Schauspielerin in einer Hauptrolle ausgezeichnet. Vollkommen zu Recht. Krugers Verkörperung eines Schmerzes, der alles beherrscht, jeden Blick, jeden Schritt, jeden Griff nach einer Zigarette, und der in jedem Moment, auch in mimischer Bewegungslosigkeit, zu sehen ist, spannt den Bogen über eine wacklige Dramaturgie. Ohne Zweifel ist Fatih Akin, der mit Gegen die Wand (2004) Sibel Kekilli entdeckt hat, ein großer Frauenregisseur und ein klassischer Gefühlsregisseur, geschaffen für Bilder physischer Dynamik und emotionalen Innendrucks. Fast die Hälfte des Films, so wirkt es zumindest, spielt sich in Großaufnahmen von Diane Krugers Gesicht ab. Ein Lidschlag trennt sterbensmüde Verzweiflung von erbarmungsloser Versteinerung.

Nur erzählt Aus dem Nichts eben noch eine zweite Geschichte: die des deutschen Rechtsstaates im Umgang mit dem NSU. Dass Akin den Plot in den Rahmen realer Vorgänge einspannt, ist nicht im Geringsten zu beanstanden. Auch nicht, dass er das Attentat, dem Nuri und Rocco zum Opfer fallen, bis in Details hinein dem Anschlag angleicht, den die NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße vor einem türkischen Friseursalon begingen. Er bedient sich einer Konstruktion, wie sie auch Spielfilme über 9/11 anwenden. Problematisch ist lediglich die Verknüpfung zweier Genres: eines Vergeltungsthrillers und eines Dokudramas, dessen realitätstreue Logik und Gangart dem Temperament Fatih Akins nicht wirklich liegen. Möglicherweise hat er es selbst bemerkt und auch deshalb den Film in drei getrennte Kapitel, Familie, Gerechtigkeit und Das Meer, gegliedert. Die Widersprüche, die er sich mit seiner unentschiedenen Form einhandelt, kann er so nur halbwegs kompensieren.

Wie im Film konzentrierten sich die Ermittlungen des Kölner Attentats zunächst nur auf das Umfeld der Opfer, unterstellten ihnen wahlweise Verbindungen zum Türsteher-, Drogen- und Rotlichtmilieu und schlossen einen rechtsextremen Hintergrund aus. Der berechtigte Zorn auf diesen unterschwelligen Rassismus trägt den Film unübersehbar. Vor allem aber trägt er das zweite Kapitel, das sich auf den juristischen Komplex des Verbrechens verlegt, ins Kolportagehafte.

Dreimal, berichtete Fatih Akin in Interviews, sei er nach München gefahren, um dort den laufenden NSU-Prozess zu beobachten, in Beate Zschäpes maskenhafte Miene zu schauen und festzustellen, ein solcher Mammutprozess sei "über lange Strecken schon eine öde Angelegenheit". Im Film hilft er kräftig nach. Von Ödnis ist im Prozess gegen das Neonazi-Pärchen nichts zu sehen, einiges hingegen von den Stereotypen amerikanischer Gerichtsfilme. Es wird gebrüllt und gehetzt wie am Stammtisch, der Verteidiger der Angeklagten ist ein Unmensch, dem noch das brutalste Mittel recht ist, um Katjas Verlässlichkeit als Augenzeugin in der Luft zu zerreißen.

Nur sie hat die blonde Frau gesehen, die ein paar Stunden vor dem Anschlag ein Fahrrad mit einem Rucksack vor Nuris Büro abstellte. Von Katjas Aussage hängt das Urteil ab. Auf diese Aussage fällt jedoch der Schatten ihres Drogenkonsums. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei jene Drogen, die Katjas Anwalt ihr über den Tisch schob, damit sie die Stunden und Tage nach dem Attentat irgendwie übersteht. In einem genuinen Thriller ginge das in Ordnung – egal, ob Hamburger Anwälte ihre Mandanten auf diese Weise versorgen oder eher nicht. In der Nachinszenierung des Münchner Prozesses stellen die Drogen dem Drehbuch eine Falle. Jeder Verteidiger würde sie zur Sprache bringen. Nicht weil er mit Neonazis sympathisiert, sondern weil es seine Rolle verlangt. So neutralisieren sich in Aus dem Nichts melodramatischer Thriller und politischer Zeitkommentar gegenseitig: Der Film ebnet dem Freispruch der Mörder, den er zugleich als monströses Versagen des deutschen Rechtsstaates anprangert, selbst den Weg.

Ein wenig wirkt es, als hätte Fatih Akin versucht, die Filmsprache Martin Scorseses mit der Heinrich Breloers zusammenzubringen. Die des Letzteren ist nicht so sein Fall, die des Ersteren macht Aus dem Nichts zu einem eindringlichen, berührenden Drama.

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