Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Natürlich gibt es keinen Döner. Denn Döner ist Streetfood, und dies hier ein türkisches Restaurant, wenn auch ein sehr ungewöhnliches. Beim Reinkommen erhält man erst mal eine Chipkarte, auf die jede folgende Bestellung gebucht wird. So weit kennt man das noch, vor allem von Vapiano. Auch das Bona’me gehört zu einer Kette, einer kleineren allerdings, mit Stammhaus in Köln. Das im Frühjahr eröffnete Lokal gegenüber vom Chilehaus ist erst das vierte seiner Art.

Ist man drinnen, verliert sich schnell der Eindruck, man habe es hier mit dem Abklatsch eines Erfolgskonzepts zu tun. Das macht zunächst die Einrichtung, die eleganter ausfällt, als man es in dieser Preislage kennt: Eichentische, Lederstühle. An den Wänden bunter Klinker und merkwürdige Gemälde. Von der Decke hängen Glühbirnen mit orientalischen Arabesken.

Und dann ist da die schiere Größe, genug für ein paar Hundert Gäste. Über den Saal sind diverse Posten verteilt, an denen man das Gericht seiner Wahl gleich beim Koch bestellen kann. Sie tragen verheißungsvolle Namen wie Mantı oder Çiftlik Saç. Darin liegt der Charme dieses Unternehmens: Von Schwundformen der geliebten italienischen Küche ist man als Deutscher ja meistens enttäuscht. Die türkische hingegen kennt man fast gar nicht und noch weniger die kurdische, die den Gründern qua Abstammung ebenso am Herzen liegt. Warum nicht gleich "osmanische Küche", denkt man beim Blick auf die Karte. Damit wären auch die Gerichte erklärt, die man eher in Griechenland oder Syrien verortet hätte (nicht zu reden von Speisen wie der Limon kremla, die sich schon sprachlich verraten).

Aber darauf kommt es ja nicht an. Mehr darauf, ob man sich fühlt, als ginge man auf Reisen. Und das ist hier eindeutig so.

Das Gewusel der umherlaufenden Tablettträger zwischen Kochposten und Tischen erinnert von ferne an einen Basar. Die Köche mit ihren sandfarbenen Badekappen anstelle der Hauben kochen alles frisch vor den Augen der Gäste. Schön fremd ist auch die Sprache, die man belauschen kann. "Abwasch soll ich jetzt machen?" – "Abwasch muss fertig haben!" So reden hier Kellner mit Köchen, durchaus nicht alle Türken oder Kurden. Mit den Kunden sprechen sie dann tadelloses Deutsch.

Für Betriebsamkeit sorgen Summer, die man bei jeder Bestellung mitnimmt. Sie summen und blinken, wenn man sein Gericht abholen kann – gerne dann, wenn man gerade für etwas anderes ansteht. Was man ohnehin besser lässt, ehe man die Größe der Portionen kennt. Hier wird nicht gegeizt.

Die Grundzutaten dieser Küche findet man in diversen Gerichten: Lammfleisch, weißer Käse, Joghurt und Aubergine. Als Gewürze Knoblauch, Minze und scharfer Paprika. Ein gutes Beispiel wären die gegrillten Köfte (Fleischbällchen) mit Auberginenscheiben und Knoblauchjoghurt – würden sie besser schmecken. Aber im Hack sind Knorpelstücke, und auf dem Teller sammelt sich Öl.

Mehr Spaß machen die Pide, bötchenförmige türkische Pizzas mit allerlei herzhaften Belägen. Oder die Böreks, gefüllt mit Schafskäse und Spinat. Oder der ungewöhnliche Peperoniwurst-Salat. Der Hummus und auch die Falafel, die durch Aroma wettmachen, was ihnen an Fluffigkeit fehlt. Das alles kann man auch in Hamburg noch besser, noch intensiver bekommen, aber nicht alles an einem Ort. Und in ihrer rustikalen Geradlinigkeit haben diese Speisen mehr Charakter, als man das von den meisten durchnormierten Kettenrestaurants kennt.

Für nette Anarchie am Tisch sorgt das Fehlen eigener Teller, die man nur auf Nachfrage bekommt. So landet früher oder später die eigene Hand mit einem Stück Fladenbrot im Essen der Begleiter.

Ungemütlich wird es nur für einen Moment. Da bescheidet einen der Vorspeisenkoch streng: "Sie waren die große Vorspeisenplatte." – "Nein, ich schwöre, ich war nur der kleine Salat." – "Ihre Chipkarte, bitte!" Es gibt dann aber keinen Ärger, sondern den kleinen Salat. Und ein breites Lächeln des Kochs: "Alles gut? Ja? Das ist mein Mann." Für eine Sekunde erwägt man abzuklatschen, dann summt schon wieder der Summer.