Wer seinen Roman It’s all true betitelt, nimmt es besser genau mit der Wahrheit und erzählt eine bezeugte Geschichte. Eine solche hat die deutsche Schriftstellerin Carmen Stephan, Jahrgang 1974, ausgegraben, eigentlich nicht viel mehr als eine filmgeschichtliche Fußnote, die sie in ihrer schnörkellosen Einfachheit ausbreitet. Es geht um die Ereignisse hinter Orson Welles’ lange verschollen geglaubtem Film It’s all true, die dafür sorgten, dass die Karriere des Regie-Genies nach Citizen Kane nur noch nach unten führte.

Für besagten Film wagte Welles sich 1941 an einen brasilianischen Nationalmythos von vier Fischern aus dem bettelarmen Nordosten, welche die gesamte Küste entlang nach Rio gesegelt waren, um dem Präsidenten von "ihren Hütten mit Schilfdächern, dem täglichen Hunger im Bauch ihrer Kinder" zu berichten. Die vier wurden noch während ihrer Fahrt zu Volkshelden, und der Präsident schenkte ihnen Gehör – und eine Gesetzesnovelle. Hier setzt Carmen Stephan ein. In Rückblenden erzählt sie die Reise nach, wobei in der Schwebe bleibt, ob sie die authentische Geschichte rekonstruiert oder sich an Orson Welles’ Version orientiert. Die Schilderung zeigt große Sensibilität fürs Detail und erfährt genau deswegen eine metaphysische Aufladung, die an Hemingways Der alte Mann und das Meer erinnert.

Hin zum Einfachen!

Im Zentrum des Buchs steht jedoch nicht die Reise, sondern die Begegnung zwischen Jacaré, jenem ernsten Fischer, der seine Kameraden von der Idee einer Fahrt zum Präsidenten überzeugte, und Hollywoods Wunderkind Orson Welles. Denn beide werden von dieser Begegnung in dramatischer Weise mitgerissen: Als der Regisseur die triumphale Ankunft der Fischer in Rio nachstellen lässt, verschwindet Jacaré in den Wellen – was wie überzogene Fiktion klingt, ist historisch verbürgt. Welles, den der Fischer wegen seines kindlichen Gemüts immer nur bebê chorão (kleine Heulsuse) gerufen hatte, wird durch diesen Unfall zum Mann. Plötzlich verrennt er sich gegen jedes Karrierekalkül in die Verpflichtung, die Wahrheit über diesen einfachen, weisen Mann zu filmen, woran weder sein Studio noch das amerikanische Publikum das geringste Interesse haben.

Wie diesem Regisseur von Weltrang plötzlich, in den Druckstellen der kurzen Berührung von Erster und Dritter Welt, Wahrheit zur ästhetischen Kategorie wird, zeichnet die Autorin eindrucksvoll unangestrengt nach. Dafür bemüht sie eine schlanke, sehnige Prosa von schlichter Eleganz, die seit Stephans letztem Roman Mal Aria noch kompakter geronnen ist. Ganz so, als wolle die Sprache analog zur Geschichte alles Überflüssige und Unwahre abwerfen, um in der Reduktion an Bedeutung zu gewinnen. Oder wie es im Roman an zentraler Stelle heißt: "Hin zum Einfachen. Was nicht heißt, es sei einfach oder arm, sondern wesentlich. Das sah Orson in Jacaré. Der das ganz natürlich in sich trug." Das ließe sich auch über It’s all true sagen.

Carmen Stephan: It’s all true. Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017; 120 S., 16,– €, als E-Book 14,99 €