Wenige Wochen bevor die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer in den Kofferraum eines gestohlenen Audi pfercht, betritt der 22-jährige Afroamerikaner Wilbert Olinde jr. das erste Mal deutschen Boden. Gerade hat er sein letztes Basketballspiel in Kalifornien vor 20.000 Zuschauern bestritten, nun soll er für den SSC Göttingen dribbeln, zu deren Spielen gerade mal 2000 pilgern.

Während auf der anderen Seite des Ozeans Basketball-Stars wie Kareem Abdul-Jabbar in Villen mit zehn Schlafzimmern wohnen, wartet auf Olinde ein abrissreifes Fachwerkhaus, in dem es ihm jedoch so gut gefällt, dass aus der geplanten einen Saison in Deutschland zwei werden und schließlich ein ganzes Leben.

Aufgeschrieben hat dieses Leben der Paderborner Anglistik-Professor Christoph Ribbat, und zwar nicht als Biografie, nicht als Roman, sondern eher als eine Art historischer Rekonstruktion, die den Leser fast schon riechen, schmecken, fühlen lässt.

Ribbat reist zurück in die Mentalitätsgeschichte der Bonner Republik oder ins Krankenhaus in Louisiana, in dem Olinde geboren wurde, als Blutkonserven noch mit "colored" und "white" beschriftet waren. Er spart nicht aus, wie Jahrhunderte zuvor zwölfeinhalb Millionen Schwarze mit Sklavenschiffen, die er als "Instrument des Kapitalismus" bezeichnet, in die Sklaverei verschleppt wurden – deren Schrecken nicht mit ihrer Abschaffung endete. Die Nordstaaten mögen den Krieg gewonnen haben, aber: Als Olindes Eltern in den Südstaaten aufwuchsen, wurden Schwarze immer noch – oder wieder, man denke etwa an die Jim-Crow-Gesetze – bei kleinsten oder gar keinen Anlässen zu Zwangsarbeit verurteilt und von Weißen gelyncht, und ausgegrenzt sowieso.

Man merkt: Ribbat beschreibt Gesellschaft nicht bloß als zufälliges Aufeinandertreffen individueller Lebenswege, sondern rekonstruiert sie. Auftritt Marx: Als "Summe der Beziehungen, worin diese Individuen zueinander stehn". Ohne dabei auf den 200 Seiten in schwerfällig-professoralen Duktus abzurutschen. Wenn er etwa beschreibt, wie sich Olinde in Göttingen immer wieder Anfeindungen und Projektionen entziehen muss. So erwarten Basketballfans von dem Schwarzen exotische Zauberkünste am Korb. Linke Studenten der "roten Hochburg" Göttingen sehen in Afroamerikanern automatisch Verbündete – Malcom X! Black Panther! – für den Kampf gegen die "imperialistische Bestie" USA. Rassisten sprühen Parolen an die Basketballhalle, in der Olinde spielt, und die Frühstücksdirektoren des Clubs fordern nach seiner ersten Saison: "Der Neger muss weg."

Doch Olinde bleibt. Er nimmt die deutsche Staatsbürgerschaft an und spielt 1985 gar mit Helmut Kohl im Kanzleramt Basketball. Ein American Dream zwischen Fachwerkhaus und Olindes Stammkneipe "Zum Altdeutschen" mit ihren Roth-Händle-Schwaden und Buletten für 1,50 DM.