Wenn von der Renaissance die Rede ist, geht es meist um eine Sehnsuchtszeit im 15. und 16. Jahrhundert, in der, so die gängige Beschreibung, ein davor und danach nie wieder erreichtes Niveau an künstlerischer Kreativität herrschte. Renaissance ist insofern ein großes Versprechen – aber worauf bezieht es sich, und wer hat es gemacht?

Für Bernd Roeck ist die Renaissance in Europa zunächst einmal weniger eine Zäsur als eine Ligatur, also kein Bruch, sondern ein Übergang. Er stellt sie deswegen als einen lange währenden Sonnenaufgang dar, dessen Vorboten sich am Horizont schon zeigten, bevor es wirklich hell wurde. Vor allem erfolgte dieser Sonnenaufgang nicht mit einem Schlag, sondern zog sich über eine Reihe von Jahrhunderten hin. Der Morgen der Welt, wie Roeck, der seit 1999 an der Universität Zürich Geschichte lehrt, sein Renaissance-Buch betitelt, hat lange gedauert. Dementsprechend voluminös ist die Darstellung dieses Morgens der modernen Welt ausgefallen. Vor allem aber heißt das: Die Renaissance ist für Roeck keine Zwischenperiode, die das ausgehende Mittelalter von der beginnenden Neuzeit trennt, und sie ist für ihn auch keine kunstgeschichtliche Etappe, auf die dann Manierismus und Barock folgen, sondern es handelt sich um eine weit ins Mittelalter zurück- und bis in die Moderne hineinreichende Epoche, in der sich der Mensch von der Übermacht der Natur emanzipierte und zu deren Herr und Meister machte.

Bernd Roeck hat die Renaissance indes nicht nur in zeitlicher, sondern auch in räumlicher Hinsicht ausgedehnt. Er beschränkt sich nicht, wie Jacob Burckhardt das 1860 in seinem berühmten Buch Die Kultur der Renaissance in Italien getan hat, auf Italien – wiewohl das bei dem vorzüglichen, mit vielen Büchern hervorgetretenen Italienkenner Roeck nahegelegen hätte – und vielleicht noch auf Frankreich. Sondern er lässt den Blick über ganz Europa schweifen, von England bis nach Polen und Ungarn, sicherlich mit Italien als Ausgangspunkt und Maßstab der Beobachtungen.

Ein "modernisierte" Blick auf die Renaissance

Doch auch dabei bleibt es nicht, da Roeck sich über die Beschreibung und Analyse der dynamischen Entwicklung Europas hinaus mit der Frage beschäftigt, warum diese Entwicklung ausgerechnet hier stattgefunden hat und andere Räume – zu denken ist dabei an China und den Vorderen Orient – an dieser Entwicklung nicht teilgenommen haben. Von der Ressourcenausstattung und den Wissenstechniken her waren beide Räume Europa lange Zeit deutlich voraus. In der langen Epoche der Renaissance, wie Roeck sie beschreibt, haben die Europäer zunächst aufgeholt und sich dann an die Spitze des Fortschritts gesetzt. Die Erklärung dieses Prozesses hat die vergleichende Globalgeschichtsschreibung in den letzten zwei Jahrzehnten eingehend beschäftigt, und es war nur naheliegend, dass Roeck diese Debatte und ihre Ergebnisse mit dem Thema Renaissance verbunden hat. Auf diese Weise hat er die in die Jahre gekommene und mitunter etwas angestaubte Renaissanceforschung im deutschsprachigen Bereich wieder an die jüngere Forschung angeschlossen.

Dieser "modernisierte" Blick auf die Renaissance hat freilich zur Folge, dass diese nicht wesentlich, jedenfalls nicht mehr ausschließlich als "Wiedergeburt" der Antike verstanden wird, wie dies bei Burckhardt und dem großen französichen Historiker Jules Michelet der Fall war, die im 19. Jahrhundert den Begriff der Renaissance im Kanon des historischen Wissens verankert und als Markierung unserer räumlich-zeitlichen Vorstellungen durchgesetzt haben. Für sie war die Renaissance vor allem eine Rückorientierung auf die Schönheitsvorstellungen der Antike, die mit dem Zusammenbruch des römischen Reichs in Westeuropa verschwunden waren, und eine Wiederentdeckung des Wissens der Antike, das in den Klosterbibliotheken in Vergessenheit geraten war. Burckhardt und Michelet hatten sich bei ihrer Ausprägung des Renaissancebegriffs auf das Pathos der Künstler und Intellektuellen bezogen, die seit dem 15. Jahrhundert von Italien aus eine neue Vorstellung von der Welt und einen veränderten Kanon des relevanten Wissens durchgesetzt haben. All das findet sich auch bei Roeck, aber was Renaissance ist, bleibt bei ihm nicht auf die Wiederentdeckung der Antike beschränkt, sondern schließt den Blick auf Neues, der Antike Unbekanntes ein. Die Antike ist das Mittel, um sich aus den Fesseln einer theologisch kontrollierten Weltsicht zu befreien; mit dieser Befreiung wird jedoch eine Dynamik der Wissensentfaltung und Technikentwicklung freigesetzt, die schon bald die Vorgaben der Antike überschreitet.