Sympathisch sieht das 20. Jahrhundert wahrlich nicht aus – ein Lichtblick allerdings bleibt: Faschismus und Kommunismus, diese so mächtigen wie tödlichen Bewegungen, wurden niedergerungen. Damit nun das 21. Jahrhundert eines Tages sympathischer wirkt als sein Vorgänger, sollte man die Dämonen beider Totalitarismen im Blick behalten und bekämpfen. Das mag in manchen Ohren wie allerlangweiligste demokratische Staatsbürgerkunde klingen – aber in einer chaotisch erscheinenden Weltgesellschaft voller Krisen und Eruptionen darf man daran erinnern. So weit entfernt sind die blutigen Abgründe von einst nicht – und Freiheit verschwindet sehr viel schneller, als sie errungen wird.

Nun hat der Kommunismus in seiner Geschichte bereits zahllose Interpreten gefunden, die diese faszinierende Symbiose aus philosophischen Ideen und politischer Kraft erhellend gedeutet haben. Besonders häufig waren es Verblendete von einst, die sich, ernüchtert und darüber klug geworden, mit diesem historischen Phänomen auseinandersetzten: Erinnert sei an Wolfgang Leonhard, den französischen Historiker François Furet oder Karl Schlögel. Jetzt hat mit Gerd Koenen ein weiterer Autor dieser Spezies ein Buch über den Kommunismus geschrieben – Die Farbe Rot ist ein glänzend erzähltes, analytisch originelles Werk geworden, von dessen über tausend Seiten sich Interessierte nicht abschrecken lassen sollten. Denn der Autor betritt darin auch für Kenner Neuland. Koenen, Jahrgang 1944, war in den siebziger Jahren im Kommunistischen Bund Westdeutschland aktiv; er hat über dieses bundesrepublikanische "rote Jahrzehnt" 2001 ein hochgelobtes Buch vorgelegt, einige andere bereits zur kommunistischen Geschichte. In der Farbe Rot nun – und das ist das Besondere – geht er weiter zurück durch die Jahrhunderte.

Er folgt gewitzt den bärtigen Säulenheiligen dieser Ideologie: Marx, Engels und Lenin hatten ihre Lehren von Anfang an eingeordnet in eine weltgeschichtliche Gesetzmäßigkeit mit ordentlichem Stufenablaufplan, immer schöner und besser. Koenen sucht also die Wurzeln der kommunistischen Idee in Antike und Aufklärung, in uraltem utopischem Denken und in Heilserwartungen, bis hin zum Gilgamesch-Epos. Dabei zeigt er, dass natürlich gar nichts gesetzmäßig abläuft, vielmehr die kommunistischen Führer sich ihre jeweilige neue Gesetzmäßigkeit gerne zurechtbogen und die Lage und plötzliches Handeln rückwirkend neu legitimierten.

Koenens ideengeschichtlicher Stammbaum fällt allerdings oft zu üppig und verzweigt aus. Erst auf Seite 229 ist man bei Marx, auf Seite 514 bei Lenin, erst auf Seite 755 fallen in Petersburg die Schüsse des Panzerkreuzers Aurora, mit denen der Kommunismus an die Macht kommt und nicht mehr nur Sache einer seltsamen Sekte ist.

Trotz dieser problematischen Proportionen gelingt Koenen etwas, das in der Geschichtsschreibung selten, aber zum Verständnis des Kommunismus zwingend nötig ist: Er schildert das ständige Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis, zwischen Ideologien und Emotionen, Ideen und Politik – seine Kenntnisse, die er in zahlreichen, perfekt abgemischten und arrangierten zeitgenössischen Zitaten demonstriert, ist beeindruckend. Marx’ Wort von der Idee, die zur materiellen Gewalt wird, erwächst in Gerd Koenen plötzlich eine Art Ideenhistorienmaler; manchmal muss man tatsächlich an Werner Tübkes Bauernkriegspanorama denken, wenn man dieses Buch liest.

Szenisch und stilistisch ist Koenen ohnehin stark, er hat einen ausgeprägten Sinn für den historischen Moment, in dem sich Entwicklungen plötzlich symbolisch verdichten. Der Leser ist also mit dem jungen Studenten Pol Pot am französischen Strand und Jahrzehnte später bei dessen Genozid in Kambodscha dabei; den russischen Revolutionären begegnet er bei den Moskauer Prozessen wieder. Auch wenn die Herrschaft des Parteikommunismus in diesem Buch zu kurz kommt – vielleicht hat sich Koenen an ihr schon zu oft abgearbeitet –, bleibt es eine enorme Leistung: Denn hier wird der Kommunismus radikal, also an seiner Wurzel gepackt und als historisch langfristiger Prozess interpretiert. Auch wenn für den Analytiker Koenen das Zeitalter des Kommunismus wohl definitiv vorbei ist: Dessen Gespenster können noch immer in eigenwilligen Mutationen herumspuken, wie momentan ein Blick nach Peking lehrt.

Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus; Verlag C. H. Beck, München 2017; 1133 S., 38,– €