Ein antikes Teetischchen, ein Porträt von seinem Urgroßvater, ein Bild von seinem Ferienhaus in Italien. "Alles geerbt", sagt der Rechtsanwalt Christoph Paul. Sein Büro in Berlin hat er passend zu seinem Arbeitsthema eingerichtet: Als Erbmediator berät Paul seit 20 Jahren Geschwister, die sich nach dem Tod ihrer Eltern streiten.

DIE ZEIT: Herr Paul, haben Sie schon Ihr Testament gemacht?

Christoph Paul: Schon lange. Ich war damals Ende dreißig und saß mit meiner Frau im Flugzeug. Wir reisten zu Verwandten in die USA. Plötzlich dachten wir: Was, wenn wir abstürzen? Also haben wir gleich an Bord ein Testament geschrieben. Das hätte uns bei einem Absturz zwar nichts genützt. Aber gleich nach der Landung haben wir es in einen Briefumschlag gesteckt und nach Hause geschickt. Wir haben zwar keine Kinder, aber Patenkinder, die einen gerechten Teil bekommen sollen.

ZEIT: Jeder dritte Deutsche hat schon einmal geerbt, aber knapp ein Fünftel dieser Erbfälle endeten im Streit, das hat kürzlich das Allensbach-Institut herausgefunden. Woran liegt das?

Paul: Die Probleme waren meist schon vorher da. Nur eben nicht sichtbar. Die Familie ist ein System. Zu Lebzeiten halten es die Eltern zusammen. Sterben sie, purzelt alles auseinander.

ZEIT: Auch dann, wenn die Geschwister immer gut miteinander ausgekommen sind?

Paul: Stellen Sie sich vor, Sie und Ihre Schwester erben ein Haus. Sie hängen daran, Ihre Schwester ist nur an der Kohle interessiert. Laut dem deutschen Erbrecht bekommen beide 50 Prozent. Wollen Sie das Haus behalten, müssen Sie Ihre Schwester auszahlen. Falls Sie nun möglichst wenig Geld ausgeben wollen, Ihre Schwester aber möglichst viel haben will, kann auch ein sehr gutes Verhältnis bröckeln.

ZEIT: Gestritten wird also vor allem um Geld?

Paul: Vordergründig wird fast immer um Geld gestritten, ja. Tatsächlich geht es aber um Emotionen. Bleiben wir bei dem Beispiel mit dem Haus. Ich habe hier gestandene Geschäftsmänner, die sagen: "Ich will nicht, dass jemand anders unter unserem Apfelbaum sitzt." Das sind Bilder, die ja auch jeder sofort verstehen kann: die Sehnsucht nach Geborgenheit. Manche Geschwister bekriegen sich bis aufs Blut wegen Dingen, die nichts wert sind: der Kugelschreiber des Vaters, der Sessel der Mutter.

ZEIT: Und dann streiten Erwachsene plötzlich wieder wie Kinder miteinander?

Paul: Genau. Da kommen alte Verletzungen hoch. Beim Erbstreit geht es fast immer um die Wertschätzung, die man von den Eltern bekommen hat. Gerade gestern hatte ich einen Fall hier mit einer Schwester und zwei Brüdern. Der Vater hatte zu Lebzeiten den Söhnen alle paar Jahre ein neues Auto geschenkt. Mal für 80.000, mal für 100.000 Euro. Die Tochter bekam nie etwas. Juristisch war dagegen nichts einzuwenden. Aber sie fühlte sich ungerecht behandelt. Als Ausgleich wollte sie mehr vom Erbe haben.

ZEIT: Entscheidend ist also, ob eines der Kinder bevorzugt wurde.

Paul: Es geht auch darum, wer mehr für die Eltern gegeben hat. Standardmäßig sind es die Töchter, die die Eltern pflegen. Nach dem Tod sagen manche: "Ich hab doch schon mein halbes Leben für unsere Eltern geopfert, warum soll mein Bruder jetzt genauso viel bekommen wie ich?"

ZEIT: Das Problem ist die soziale Ungleichheit innerhalb der Familie?

Paul: Wir Erbmediatoren sprechen von Gerechtigkeitskonten. Die werden schon in der Kindheit gefüllt: mit Aufmerksamkeit, Liebe, Geld. Fühlt sich einer benachteiligt, wird es schwierig. Zum Beispiel, wenn die Tochter das Studium finanziert bekommen hat und der Sohn schon früh sein eigenes Geld verdienen musste. Oder der Bruder bekam zum Abitur eine Auslandsreise geschenkt, und die Schwester hat ihn ihr halbes Leben lang darum beneidet.

ZEIT: Das klingt nach viel Drama.

Paul: (zieht eine Packung Taschentücher unterm Schreibtisch hervor) Darum habe ich die hier immer bei mir. Es gibt heftige Szenen, Schreien, Heulen, Rausrennen. Zum Glück habe ich Schiebetüren. Die kann man nicht zuknallen.