Die schlaflose Frau, die am Ende immer noch den unmöglichen Deal hinbekommt: So ist Angela Merkel in den Krisen der letzten Jahre zur Weltpolitikerin aufgestiegen. Es war stets schon früher Morgen, wenn die gefürchtete Verhandlerin Putin und Poroschenko den Frieden von Minsk abrang, vom griechischen Premier Tsipras im Gegenzug für Finanzhilfen eine Zusage für ein Reformprogramm für Griechenland erhielt oder die EU auf das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei verpflichtete. Und nun das: Im Berliner Heimspiel ausgetrickst von Christian Lindner.

Das ist ein Moment, der Deutschlands Partner verstört und seine Gegenspieler elektrisiert: Kommt Europas unbestrittene und zuletzt unverzichtbare Führungsmacht ins Trudeln?

Unter der Übermacht Berlins haben – spätestens seit der Finanzkrise – viele europäische Nachbarn gelitten. Jetzt zeichnet sich ab, dass es noch etwas Schlimmeres als deutsche Dominanz geben könnte: deutsche Schwäche. Es war Unfug, Merkel nach der Wahl von Trump und der Brexit-Entscheidung zur "Führerin der freien Welt" auszurufen. Doch die Anführerin der EU, das war sie schon. In Europa schauen alle darauf, was Deutschland macht. Und ausgerechnet jetzt kommt aus Berlin das Signal: Sorry, wir können gerade nicht, wir müssen uns um uns selbst kümmern.

Der Ausfall Berlins trifft die EU zur Unzeit. Immer wurde in den vergangenen Monaten irgendwo gewählt, immer mussten deshalb Entscheidungen aufgeschoben werden: zur Währungsunion, zur Reform des Asylsystems, zur Nachbarschaftspolitik. Doch nach der Wahl in Deutschland sollten endlich wichtige Weichen gestellt werden.

Noch vor Weihnachten sollen die Staats- und Regierungschefs beschließen, wie die stockenden Brexit-Verhandlungen weiter geführt werden. Lange hatte die britische Regierung auf Merkel gehofft. Die Kanzlerin, so das Kalkül in London, könne die anderen Europäer zu Zugeständnissen bewegen. Die Briten schätzen Merkels Pragmatismus, der französische Präsident Macron hingegen ist ihnen wegen seiner Ideen für eine vertiefte Union suspekt. Nun verschieben sich die Gewichte; Paris wird wichtiger, der deutsche Einfluss schwindet.

Erst allmählich begreifen die anderen, dass es mit der deutschen Idylle vorbei sein könnte

Auch für Macrons Ambitionen ist das überraschende Vakuum in Berlin ein herber Rückschlag. Auf sein Betreiben hin findet am 15. Dezember in Brüssel ein Eurozonen-Gipfel statt, der erste seit mehr als zwei Jahren. Auf der Tagesordnung stehen die geplante Vollendung der Bankenunion und die Einrichtung eines Europäischen Währungsfonds – zwei Themen, um die auch bei den Jamaika-Sondierungen bis zum Schluss gestritten wurde. Bis zum Sommer 2018, so sah es der Brüsseler Zeitplan vor, sollten die gemeinsamen Beschlüsse umgesetzt werden. Nun ist der Zeitplan obsolet geworden, denn eine bloß geschäftsführende Kanzlerin kann derart weitreichende Entscheidungen nicht treffen. Selbst die eigentlich längst überfällige Wahl eines neuen Eurogruppenchefs wird mit Rücksicht auf Deutschland wahrscheinlich noch einmal verschoben. Die Verzögerungen wären nicht schlimm, wenn die EU Zeit hätte. Aber der Countdown für die Brexit-Verhandlungen läuft, im März 2019 wird Großbritannien die EU verlassen – mit oder ohne einen Deal. Zwei Monate später wird ein neues Europaparlament gewählt. "Uns läuft die Zeit davon", räumt der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei im Europaparlament, Manfred Weber, ein.

Lange Zeit haben die anderen Europäer die politischen Verwicklungen in Berlin nicht ernst genommen. Die Sorge galt anderen Ländern, Frankreich natürlich, den Niederlanden, zuletzt Österreich, aber auch Polen und Ungarn. Deutschland schien unberührt von den politischen und gesellschaftlichen Fliehkräften, die viele Nachbarländer erfasst hatten – ein Hort der Vernunft in einer offenbar immer unvernünftiger werdenden Welt. Erst allmählich begreifen die anderen, dass es mit der deutschen Idylle vorbei sein könnte. Die Bundestagswahl spiegelt einen größeren Trend: Die politischen Ränder werden stärker, die Mitte schwindet, und auch im Bundestag sitzen jetzt Nationalisten. Welch Ironie: Deutschland ist ein Stück weit europäischer geworden – und wird damit für Europa zum Problem.

Dabei geht es um mehr als nur um Terminprobleme. Deutschland ragte durch die enorme Kompromissfähigkeit seiner politischen Parteien heraus – bis tief in die Nacht des 19. November. Das war etwas Besonderes unter den großen westlichen Demokratien: Die USA sind so tief gespalten, dass es zwischen den politischen Lagern kaum noch Verständigung gibt; Großbritannien ist durch eine entleerte konservative Partei in die europäische Isolation geführt worden; Frankreich hat anstelle der implodierten Volksparteien nur noch die Wahl zwischen Macrons Bewegung und den Extremisten von links und rechts. In Deutschland aber, der europäischen "Macht in der Mitte" (Herfried Münkler), schien die politische Mitte lange zu halten.