Die innere Verfassung eines Landes hat Folgen für seine außenpolitische Handlungsfähigkeit. Der entschiedene Multilateralismus der deutschen Außenpolitik speiste sich nicht zuletzt aus dem Selbstbewusstsein, das der innenpolitischen Stabilität entsprang. Das deutsche Eintreten für europäische Integration, regelbasierte Globalisierung und internationale Verträge (gegen Klimawandel, gegen atomare Aufrüstung und zur Begrenzung von Migration) beruht auf der Kompromisskultur der deutschen Innenpolitik mit ihrem dichten föderalen Gewebe und den zahllosen Deals in vielen verschiedenen Koalitionsvarianten.

Am Ende ist dieses außergewöhnliche System nicht, aber es hat einen Knacks bekommen, der das Selbstbewusstsein der deutschen Außenpolitik nicht unberührt lassen wird. Für den Umgang mit autoritären Führern ist Letzteres entscheidend. Denn deren Versprechen lautet ja, dass sie ohne Rücksicht auf lästige Kompromisse, umständliche Rechtsstaatlichkeit und die Zivilgesellschaft viel effektiver regieren können.

Viele Verantwortliche in der EU hoffen, die SPD würde es sich noch anders überlegen

Dieses Versprechen eint Trump, Erdoğan, Putin und Chinas Staatschef Xi. Für alle vier ist Deutschland heute ein wichtiger Gegenpol, der zugleich ein unverzichtbarer Partner bleibt. Kein anderes Land hat so schlechte Erfahrungen mit autoritärem Nationalismus gemacht – auch darum ist Deutschland heute als außenpolitische Alternative zur Renaissance der Nationalisten so wichtig. Der Ausfall der USA in der Klimapolitik, bei der europäischen Sicherheit und beim Freihandel kann ohne einen erheblichen deutschen Beitrag nicht kompensiert werden.

Aber schon heute hat Deutschlands Durchsetzungskraft gelitten. Mit der Forderung, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abzubrechen, stand Merkel in der EU unlängst allein; die Position war dem deutschen Wahlkampf geschuldet. Dabei droht die Türkei-Politik für die EU eine ähnliche Herausforderung zu werden wie die russische Politik seit 2014. Die Türkei registriert jede Unstimmigkeit und versucht die EU zu spalten. Paris wird geschont, Berlin attackiert. Um eine der deutschen Geiseln aus türkischer Haft zu befreien, musste die Bundesregierung auf die Dienste des Rosneft-Aufsichtsratschefs Gerhard Schröder zurückgreifen. Bei Macron reichte zum selben Zweck ein Telefonat der Staatschefs.

Auch an der Ukraine-Frage sieht man schon, welche Folgen deutsche Kraftlosigkeit hat: Die Minsker Verhandlungen über die von prorussischen Separatisten besetzte Ostukraine kommen nicht voran. Der Berliner Politik fällt es immer schwerer, diesen mühsamen Prozess voranzutreiben. Der letzte Gipfel war vor über einem Jahr, die Außenminister von Russland, Frankreich, der Ukraine und Deutschland trafen sich noch einmal auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar. Diplomaten aller vier Länder saßen zuletzt im September zusammen. Irgendwann droht der Prozess einzuschlafen.

In Brüssel und Paris ist die Ratlosigkeit nun groß. Stabilität und Kontinuität seien "ein Markenzeichen Deutschlands", erklärte ein Sprecher der EU-Kommission und verwies auf das Grundgesetz. Es klang wie eine Beschwörung: Bitte, liebe Deutsche, reißt euch zusammen! Auch Macron kann seine Sorgen nicht verbergen. "Es ist nicht in unserem Interesse, dass sich das verkrampft", sagte der französische Präsident am Tag nach dem Jamaika-Debakel mit Blick auf die deutsche Regierungsbildung. Noch so ein Paradox: Erst hatte Macron befürchtet, die FDP könnte in einer Koalitionsregierung seine Pläne für die Euro-Zone torpedieren; nun gefährdet das Ausscheiden der Liberalen seine europäischen Ambitionen.

Viele Verantwortliche in der EU hoffen, die SPD würde es sich noch anders überlegen und doch in eine große Koalition eintreten – aus Verantwortung gegenüber der Union. Der französische Politikwissenschaftler Dominique Moïsi findet sogar, die Sozialdemokraten müssten bereit sein, "Opfer im Namen Europas zu bringen". Wie ihm wäre es vielen am liebsten, in Deutschland bliebe alles beim Alten – die Kanzlerin und die Koalition. Ausgerechnet Martin Schulz, der Europäer, sperrt sich bislang dagegen.

Mitarbeit: Georg Blume, Robin de Peyer