In meiner Kindheit war Philipp einer meiner besten Freunde. Im Kindergartenalter haben wir im Sandkasten Burgen gebaut, als Schulkinder sind wir mit unseren Familien zusammen in Urlaub gefahren, später haben wir Fußball gespielt oder Computerspiele gezockt. Auch Philipps kleine Schwester Victoria kenne ich, seit es sie gibt. Sie war elf Jahre alt am schlimmsten aller Tage. Auch wenn sie ihre Wut und ihre Verbitterung inzwischen zu bändigen weiß, vergeht doch kein Tag, an dem sie nicht an Philipp denkt. An ihren Bruder, der im Sommer 1995 im Alter von 15 Jahren plötzlich und unter rätselhaften Umständen starb.

Immer im Frühling, wenn es auf Philipps Geburtstag zugeht, kommt auch die Erinnerung. Dann geht Victoria am Strand spazieren und redet mit dem Toten: Philipp, wie könnte dein Leben jetzt sein? Wie wärest du? Hättest du Kinder? Wo bist du jetzt wohl?

So erzählt es Victoria, ihr Bruder wäre heute 37 Jahre alt. Victoria Küppers lebt nun in Perth, Australien, wo ich sie um fünf Uhr morgens deutscher Zeit per Videochat erreiche. Als sich unsere Blicke treffen, zeichnet sich auf ihrem Gesicht ein erkennendes Grinsen ab. Es ist das Grinsen ihres Bruders.

Wir haben uns verabredet, um über Philipp zu reden, die Umstände seines Todes und was dieser Tod mit uns gemacht hat. Von Victorias Leben blieb nichts mehr übrig: Wäre Philipp in jener Sommernacht nicht gestorben, Victoria lebte heute wohl kaum im fernen Australien. Doch trotz ihrer Flucht hat sich ihr Leben an der rätselhaften Geschichte seines Todes ausgerichtet.

Victoria ist inzwischen 33 Jahre alt und Medizinerin. Keine, die kranken Menschen hilft, sondern eine Ärztin der Toten. Jeden Tag beugt sie sich über Leichen, untersucht ihre Wunden, entnimmt Proben und versucht herauszufinden, was ihnen zugestoßen ist. Als Rechtsmedizinerin arbeitet sie daran, nichtnatürliche Todesfälle aufzuklären. Die Entscheidung, Pathologin zu werden, traf sie schon wenige Monate nach Philipps Tod. Als Kind. Victoria sagt: "Ich will toten Leuten eine Stimme geben, wenn niemand mehr für sie reden kann."

Die Toten sollen ihr ihre Geschichten erzählen, all das, was sie über ihren Bruder bis heute nicht weiß: Kam er vor 22 Jahren durch einen tragischen Unfall ums Leben? Wurde er getötet? Oder führte er sein Ende selbst herbei?

Damals, als Philipp starb, wohnten er, Victoria und ihre Eltern gegenüber von uns. Nur ein paar Hundert Meter entfernt von jener Stelle im Wald, an der Philipp am 23. August 1995 leblos aufgefunden wurde. An den Tag erinnert sich Victoria genau: Es sind Sommerferien, sie und ihre Mutter besuchen Verwandte in England, als mittags das Telefon klingelt. Am Apparat ist der Vater, Victoria sieht den Zusammenbruch in den Augen der Mutter und hört sie fragen: "Was, Philipp ist tot?" Er soll eine Treppe hinuntergestürzt sein, das bekommt Victoria noch mit, dann schlagen Weinkrämpfe über ihr zusammen, sie wirft sich auf ein Sofa, tritt um sich. Ein Notarzt wird gerufen und gibt ihr ein Beruhigungsmittel.

Victoria geht fast zugrunde am Tod des Bruders: "Ich musste weg aus Deutschland"

Zu diesem Zeitpunkt versuchen zwei Polizeibeamte der Funkstreife Rhena 12/41, am Heimatort das Geschehen zu rekonstruieren. Der Polizeibericht dokumentiert, dass sie um 13.58 Uhr in einen Ortsteil von Leichlingen im Bergischen Land gerufen werden. Auf einem Hügel und von Wald umgeben steht dort eine Rehaklinik. Die Beamten werden zum sogenannten Kesselhaus geführt. Es gehört zu den Gebäuden einer alten Volksheilstätte, damals befindet sich im Obergeschoss noch eine Turnhalle; der untere Teil ist zur Ruine verkommen. Das Gebäude ragt tief in den Wald hinein. An seiner Ostseite, zwischen Bäumen und Unkraut, liegt der Leichnam eines Jungen, "in Embryohaltung", wie die Polizisten notieren. Ein Freund hat ihn dort um 13.45 Uhr gefunden. Der Tote ist Philipp.