Nichts wisse man über den kleinen Bruder der Kanzlerin, schrieb das neue, ein Hamburger Presseerzeugnis. Also habe man recherchiert – und Angela Merkels "größtes Geheimnis" gelüftet. Marcus Kasner, deckte das neue im Jahr 2014 auf, besitze eine beigefarbene gestreifte Sitzecke in seiner Darmstädter Zweizimmerwohnung. Des Weiteren, so schilderte es "ein Insider aus seinem Umfeld", sei der Physiker bei seinen Studenten "außerordentlich beliebt". Das Verhältnis zur Schwester aber – angeblich: gestört! Kasner, raunte das neue, habe "mit der großen Politik nichts am Hut".

die aktuelle, ein Konkurrenzprodukt aus München, recherchierte ebenfalls über den Kanzlerinnenbruder. Man kam zu noch tragischeren Erkenntnissen: Kasner steige Tag für Tag "ganz allein" in die Straßenbahn, gehe "ohne Begleitung" einkaufen. Der Mann, meinte das Blatt, sei vereinsamt. 2005 habe Kasner öffentlich "kritisch" über die politische Lage gesprochen, Merkel brüskiert und sich selbst so "ins Abseits geschossen". die aktuelle konstatiert: "Was für eine traurige Familien-Geschichte!"

Merkel, Madonna und Heidi Klum, Jogi Löw, Osama bin Laden und Kate Middleton: Natürlich haben viele berühmte Menschen Geschwister. Meist weiß man wenig über sie. Und das, was man weiß, ist selten der Rede wert.

James Middleton hat den Traum, ein "Kuchenimperium" aufzubauen.

Yeslam bin Laden verkauft Parfum, Yeslam pour homme kostet 95 Euro.

Peter Löw, genannt Pit, brät Schnitzel in einer Sportgaststätte.

Es liegt in der Natur der Klatschberichterstattung, dass selbst trivialste Informationen im Gestus der Enthüllung daherkommen. Sofagarnituren werden zu Geheimnissen verklärt und Fahrten in der Straßenbahn psychologisch ausgedeutet. Die Prominenz aber, das Feigenblatt des Voyeurismus, fehlt bei den unbekannten Geschwistern.

Aber eben nicht ganz: Sie sind Passivprominente. Nichtrauchern gleich, denen sich ohne eigenes Verschulden in verqualmten Kneipen der Teer auf die Lungen legt, müssen die Geschwister berühmter Menschen mit ungebetenen Beobachtern rechnen. Passivprominenten wie Passivrauchern bleiben nur zwei Möglichkeiten: sich konsequent zurückziehen oder es über sich ergehen lassen.

Natürlich kratzen viele Berichte am Ego. Das berühmte Geschwisterkind wird zum fleischgewordenen Über-Ich: Die Betrachtung des Nicht-Berühmten geschieht stets im Abgleich mit dem Berühmten, stets in der Hoffnung, im Unprominenten den Prominenten gespiegelt zu sehen.

Beschreibungen bleiben relational: verblüffend ähnlich, überraschend anders, im Gegensatz zu, genau wie. Die Fragen stellen sich, ob in der Klatschpostille oder auf der halb seriösen Panoramaseite, von allein: Wie ist er denn so privat? War sie schon immer so ehrgeizig?

Ob er denn die Musik seines Bruders höre, fragt die Reporterin der Daily Mail Geoff Dwight, der zu Elton John seit Jahrzehnten keinen Kontakt hat. Der Mann mit Hare-Krishna-Vergangenheit und abgesessener Haftstrafe, aufgespürt in der walisischen Provinz, schüttelt den Kopf. "Seine Musik ist nicht mein Fall. Aber jedes Mal, wenn ich hier in den Pub gehe, machen sie ihn in der Jukebox an, um mich aufzuziehen."

Weil Heidi Klums Bruder Michael, ein schnauzbärtiger Busfahrer, mit seiner Familie im Bergischen Land lebt – und nicht etwa Schampus trinkend durch Heidis Instagram-Feed torkelt –, mutmaßt die Zeitschrift Closer, Klum schäme sich für ihren Bruder, wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich. Auch das neue ist wieder nah dran und fragt, etwas missverständlich: "Ist Michael Heidi peinlich? Man stellt die These auf, dass er vielleicht nicht in ihr "Glamour-Leben" passe.

So verblassen die unbekannten Geschwister hinter der Verwandtschaftsbeziehung, nie stehen diese Brüder und Schwestern für sich.

Passivrauchern wie -prominenten bleibt indes noch eine weitere Möglichkeit: selbst Raucher werden – oder berühmt. Doch auch das hat Nebenwirkungen. Man erinnere sich an Lothar Vosseler, Vorgänger Marcus Kasners als Bruder des Regierungsoberhauptes. Gerhard Schröders Halbbruder ließ um die Jahrtausendwende nichts aus. Vosseler, Selbstbeschreibung: "Bruder ohne Brioni", Fremdbeschreibung: "professioneller Verlierer" (Süddeutsche Zeitung), nahm Kamerateams mit auf seine Tingeltour als Tagelöhner, stieg als Kanalarbeiter in Gullys, heuerte als Spaßkapitän auf einem Touristen-U-Boot in Mallorca an. Er schrieb Kolumnen in Boulevardzeitungen, saß ständig in Talkshows.

Mehr noch: Vosseler versuchte, den berühmten Bruder selbst zum Statisten zu degradieren, und schrieb ein Buch: Der Kanzler, leider mein Bruder, und ich. Der Vorabdruck erfolgte medienwirksam auf Taschentüchern – erst lesen, dann reinschnäuzen. Kurz darauf verkrachte sich Vosseler mit seinem Literaturagenten, er fühlte sich ausgenutzt. Später verlor Schröder die Wahl und Vosseler damit seine Bühne. Ein Kanzlerbruder mag interessant sein, ein Ex-Kanzler-Bruder ist es nicht.

Tippt man heute seinen Namen bei Google ein, stößt man schon im Suchfenster auf eine Kurzbeschreibung seiner Vita, wie bei einem echten Prominenten. Bloß das Foto zu Vosselers Eintrag wurde falsch zugeordnet. Es zeigt seinen Bruder, den ehemaligen Kanzler.

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