© Petra Bahr

Es sind die Gesichter mit Geheimnis, die mich anziehen, wenn ich auf der Kanzel stehe. Das ist ungerecht, denn jeder Mensch hat ein Geheimnis. Aus der Ferne, im Dämmerlicht des Abendgottesdienstes, sind es zwei faltige Menschenköpfe. Er hat seine Wange an ihre Schulter gelegt. Seine Augen sind geschlossen. Ist er so konzentriert, oder macht er ein Predigtschläfchen? Sie guckt unentwegt zu mir, mit hellen Augenblitzen. Wie kann jemand so alt und so wach gleichzeitig gucken? Nach dem Gottesdienst bleiben sie nebeneinander sitzen, ganz still. Dann sitzen wir nebeneinander. Wir haben heute Gnadenhochzeit, sagt sie. Er hat seinen Kopf angehoben und sieht ins Leere. Oder hat er sich in der Fülle verloren? Vielleicht springt er mit seiner Verlobten ausgelassen über eine Blumenwiese und lässt sich in eine Frühlingsvergangenheit treiben. Er hat es vergessen, er lebt nur im Moment, sagt sie und streichelt seinen Arm. Traurig klingt das und so zärtlich. "Wie die Queen und ihr Philip." Ich brauche eine Sekunde, um die Schlagzeile aus der Bild-Zeitung mit diesem Paar zusammenzukriegen. Gnadenhochzeit. 70 Jahre verheiratet. Die Kirchenbank verwandelt sich in einen Thron.

Wir waren nur zweimal getrennt, sagt sie. Einmal war Erhard auf Geschäftsreise in China, einmal war ich in der Kur. Unsere älteste Enkelin hat schon zwei Kinder, und wir sind immer noch da. Sie klingt so stolz wie eine Königin. Dann erzählt sie von dem gemeinsamen Leben. Und immer wieder erzählt sie von ihm, als könnte er sich so selbst ins Gespräch einbringen. "Er kann mit Rosen sprechen", lacht sie. "Bei mir geht alles Grüne ein." Sie haben sich gekabbelt und geliebt, gestritten und aneinander vorbeigelebt. Vier Kinder, da ist wenig Zeit für Zweisamkeit. Sie haben zusammen ein Haus gebaut und sind gemeinsam in ein Seniorenheim gezogen. "Lauter alte Leute. Das ist ganz schön anstrengend", sagt die 90-Jährige, als erzählte sie von einer Studenten-WG.

Gnadenhochzeit. Was für ein Wort. Das lange Leben, eine Gnade, auch wenn es manchmal zur Bürde wird. Vermutlich ist es so gemeint. Doch vielleicht ist es auch das Geheimnis in den Gesichtern. Die Kunst, einander gnädig zu bleiben. Das Kronjuwel der Ehe. Wer wann wie heiraten darf, ist ein großes Thema, auch in der Kirche. Die eigentlich spannende Frage stellt sich zu selten: Wie bleibt man eigentlich verheiratet? Ich wünsche mir eine Gnadenhochzeit.