Stille. Was ist das überhaupt? Als ich unter 300 Meter Stein sitze, alleine, wird diese Frage plötzlich groß. Selbst hier, im Berg, wo kein Geräusch existiert, höre ich etwas. Ich höre mein Blut fließen. Mein Herz klopfen. Meinen Atem. Ich höre das Nichts, wie es nicht ist. Und ich höre mich selbst denken. Alleine in einem ehemaligen Bunker, mitten im Gotthardmassiv. Das kommt davon, wenn man "das stillste Hotel der Welt" googelt. Und dann auch noch hinfährt.

Einige Stunden zuvor begrüßt mich Rainer Geissmann am Eingang seines Felsenhotels La Claustra, knapp unterhalb des Gotthardpasses. Von hier ist es nicht mehr weit bis zur italienischen Grenze. Karge Berge, ein paar Seen. Mehr grau als grün, mehr Felsen als Wiese. Das nächste Dorf, Airolo, 1.555 Einwohner, ist ein paar Kilometer weg. Autos kommen selten über den Pass. Der Tunnel ist viel schneller.

"Ich bin der Rainer. Wir sind erst mal alleine", sagt Geissmann, kurze graue Haare, Pulli von Ralph Lauren. Der Eingang des ehemaligen Bunkers, eine rote Tür in grauem Stein, öffnet sich hinter ihm wie das Maul eines Bergdämons. Darüber ragt die Mauer des Stausees. Eine Schweizer Flagge und eine Klingel sind die einzigen Zeichen, dass hinter der schweren Stahltür Leben wartet. Wir gehen hindurch, ich sehe einen hundert Meter langen Gang, der tief in den feuchten Fels führt. Es tropft von der Decke in das Zwielicht der Halogenlampen, die Tür schlägt hinter uns zu, sperrt das Tageslicht aus. Dann ist Ruhe. Schlagartig wird mir kalt. Eine Lobby oder Rezeption gibt es nicht, am Ende des Ganges stehen wir vor dem Speisesaal, der wie alle Räume als Betonquader in den ausgehöhlten Fels gebaut wurde. Keine anderen Gäste? Macht nichts. Geht ja um Ruhe.

Beim Abendessen kann man mit Rainer Geissmann – wache Augen, deutlich jünger zu schätzen als 63 – wunderbar zwei Flaschen Schweizer Wein leeren, weißen Merlot, roten Merlot, und über Bündner Wurst und Wildgeschnetzeltem alles besprechen. Früher hat er Ski-Fabriken gebaut, "von China bis Nordrussland". Aber der Ski-Markt sei tot. Also sucht er "Challenges", wie er sagt. Und es ist ja tatsächlich eine Herausforderung, ein Hotel in einem Fels zu betreiben, an einem abgelegenen Ort in den Alpen, wo die Luft so dünn ist und es fast die Hälfte des Jahres schneit. Rechnet sich das?, fragt man sich da. Für Rainer Geissmann ist das nebensächlich. Er braucht das Geld nicht unbedingt.

Das Hotel La Claustra (deutsch: Das Kloster) kaufte er für einen Franken, investierte aber Millionen. Der Erbauer, ein Soziologe und Künstler namens Jean Odermatt, der alles entworfen hat, war insolvent gegangen. Odermatt wollte tief im Berg einen Ort schaffen, an dem der Besucher aus den Koordinaten von Raum und Zeit fällt. Abseits jeder Ablenkung, fern von jeglichem Handyempfang. "Sein Lebenswerk", sagt Geissmann, "ich halte mich an seinen Stil."

Wie der aussieht? Nun, man stelle sich vor, ein exzentrischer Architekt baute einen Wellnesstempel in eine Tropfsteinhöhle, die vorher ein Bunker war. Als hätten die Zwerge aus Herr der Ringe umgeschult und ein Designhotel eröffnet, um der Welt ihre dunkle Heimat zu zeigen. Mit nackten, nassen Felswänden, Hohlräumen, Tunneln. Und mit schweren Stahltüren, militärischen Hinweisschildern, Schächten nach oben zu den Maschinengewehren. Die Gotthardfestung "San Carlo" war von 1942 bis 1994 Teil des legendären Schweizer "Reduit" (Betonung unbedingt auf der ersten Silbe), einer Reihe von weitverzweigten Anlagen tief in den Alpen, die jeden Invasor abschrecken sollten. Insbesondere während des Zweiten Weltkrieges, mit Nazi-Deutschland und Mussolini-Italien nur einige Kilometer vor der Haustür, rechneten die Eidgenossen mit dem Schlimmsten. 200 von ihnen waren hier als Soldaten stationiert, auf 2.050 Meter Höhe. Auch im Winter, wenn der Eingang zur Festung zugeschneit war. Als die Schweizer in den neunziger Jahren merkten, dass Geld viel besser schützt als Kanonen, gaben sie die Festungen nach und nach auf.

Heute ist das Claustra – mit seinen 19 Zimmern, dem Spa, dem Weinkeller und der omnipräsenten Geschichte – ein exklusives Refugium, ein Tagungsort für Spezialisten und Exzentriker, die alles schon gesehen haben. "Ab und zu kommt der russische Botschafter mit Leuten her", sagt Geissmann, "mit Leuten, die vier Sprachen sprechen." Die die absolute Ruhe wollen, nehme ich an. Die das Gleiche suchen wie ich.

Ich bin ein akustisch herausgeforderter Großstädter aus München. Ich liebe die Stadt. Aber Entspannung? Das ist für mich Ruhe, zu allererst für meine Ohren. Wenn ich arbeite, dann bei geschlossenen Fenstern, ohne Musik. Mein wertvollster Besitz sind Noise-Cancelling-Kopfhörer, die alle Außengeräusche wegfiltern. Über sie höre ich Miles Davis, was macht sein Spiel so magisch? Natürlich die Pausen. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen, im stillen Schwarzwald. Komme ich zurück nach Hause, laufe ich stundenlang alleine durch den Wald.

Horchen Sie doch mal in die Welt, lieber Leser. Was hören Sie? Vermutlich irgendetwas. Ob laut oder leise, erwünscht oder störend, Stimmen oder Musik oder Verkehr oder Verdauung, den Atem des geliebten Menschen oder nur den Kühlschrank – immer ist da ein Geräusch. Leben ist Lärm. Selbst in der angeblich so stillen Natur, selbst im dichtesten Wald pfeift und rauscht und knackt es unentwegt. Gibt es überhaupt, irgendwo auf der Welt, echte Stille?