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Das Gouverneursamt der Provinz Ankarauntersagte jüngst LGBTI-Filmtage, die von der deutschen Botschaft organisiert waren. Die Begründung erweckt den Eindruck, es sollten nicht Filme vorgeführt, sondern ein Putschversuch initiiert werden:

"(Die Veranstaltung) könnte einen Teil der Bevölkerung gegen einen anderen zu Hass und Feindschaft aufhetzen, es könnte eine unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit entstehen, aufgrund gesellschaftlicher Sensibilität gegen teilnehmende Gruppen könnten manche Kreise gegen die Vorführungen protestieren, es könnte zu Provokationen kommen ..."

Nach dem Beschluss aus dem Gouverneursamt protestierte der für Europäische Angelegenheiten zuständige deutsche Staatsminister Michael Roth mit folgenden Worten: "Die Freiheit der Kunst und die Rechte der Minderheiten sind unantastbar." Die LGBTI-Bewegung erklärte, der Kampf gehe weiter. Daraufhin verhängten die Behörden ein unbefristetes Verbot über sämtliche in der Stadt geplanten LGBTI-Veranstaltungen.

An der Spitze der Betroffenen der konservativen Welle, die in der Türkei in letzter Zeit die Gesellschaft unter Druck setzt, stehen die Homosexuellen. Ein Blick auf die Geschichte zeigt eine interessante Verbindung zwischen Homosexuellen-Rechten und Europäisierung. Historikern zufolge galten homosexuelle Beziehungen im Osmanischen Reich als "normal". Erst mit dem Einsetzen der Verwestlichung wurden sie als "anormal" betrachtet. Erst in den Neunzigern, im Zuge der EU-Integrationsbestrebungen, wurde dann die Anerkennung von Homosexuellen-Rechten möglich. Als erste Homosexuellen-Organisationen wurden 1993 in Istanbul Lambda und 1994 in Ankara Kaos GL gegründet. 2003 fand in Istanbul erstmals ein Gay-Pride-Marsch mit dreißig Personen statt. Bis 2011 stieg die Zahl der Teilnehmenden auf zehntausend.

2015 konnte sich die LGBTI-Bewegung innerhalb der HDP organisieren und von dort aus ihren Kampf um Rechte führen. Die Partei schrieb sich ins Programm, sie würde sich für die "Homo-Ehe" einsetzen, und stellte transsexuelle und homosexuelle Kandidaten auf.

Doch die Regierung fühlte sich durch die Sichtbarkeit der Bewegung gestört. Noch 2010 sagte die Staatsministerin für Familie, Homosexualität sei eine "Krankheit, die behandelt werden müsse". In den vergangenen zwei Jahren wurde der Gay-Pride-Marsch mit Polizeigewalt verhindert. Mit der "Bezichtigung" Oppositioneller als homosexuell ist Homophobie gewissermaßen zur staatlichen Politik geworden. Eine Staatspolitik, die selbst die Vorführung von LGBTI-Filmen fürchtet!

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe