DIE ZEIT: Herr Shin, vor zehn Jahren hat die Finanzkrise die Weltwirtschaft erschüttert. Sind die Folgen beseitigt? Ist es endlich vorbei?

Hyun Song Shin: Was die Banken angeht, ja. Sie stehen heute viel besser da als vor der Krise. Sie verfügen über deutlich mehr Kapital. Wir sind also wieder auf einem normalen Level. Die Finanzrisiken sind längst anderswo.

ZEIT: Wo?

Shin: Wir erleben eine Phase, in der es der Wirtschaft weltweit fast überall besser geht: in Europa, in den USA, in den Schwellenländern. Aber es ist trotzdem weiterhin sehr billig, sich Geld zu leihen, die Zinsen sind sehr niedrig – und das auch dann, wenn man sich Geld für ein riskantes Geschäft leiht. Aktien sind zwar hoch bewertet, aber die Märkte rechnen nicht damit, dass sich das bald ändert. Es ist sehr ruhig an den Finanzmärkten.

ZEIT: Das klingt doch gut!

Shin: Aber Vorsicht, wir dürfen nicht in Selbstgefälligkeit verfallen. In vielen Ländern ist die Arbeitslosigkeit sehr gering, sogar historisch niedrig. Normalerweise ist das ein Indikator dafür, dass die Wirtschaft voll ausgelastet ist.

ZEIT: Die deutschen Wirtschaftsweisen haben kürzlich vor einer Überhitzung gewarnt. Ist das die Gefahr?

Shin: Nicht wenn man die gewöhnlichen Indikatoren für eine Überhitzung ernst nimmt – und genau das ist das Rätsel. Normalerweise müsste man sehen, dass die Löhne steigen und die Preise ebenso. Inflation ist ein Indiz für eine Überhitzung – und in der Folge müssten die Notenbanken aktiv werden, um diese Überhitzung zu verhindern. Aber es gibt keine hohe Inflation. Im Euro-Raum beispielsweise lag sie im Oktober bei 1,4 Prozent. Das ist deutlich unter den zwei Prozent, die die meisten Zentralbanken anstreben.

ZEIT: In den Jahren der Finanz- und Euro-Krise haben die Zentralbanken Billionen in die Märkte gepumpt. Nach aller Erfahrung müssten die Preise längst steigen. Warum sehen wir keine Inflation?

Shin: Möglicherweise hat sich die Struktur der Wirtschaft verändert. Das bedeutet: Die Arbeitslosigkeit müsste heute noch viel tiefer gesenkt werden als früher, damit die Inflation wieder steigt. Möglich ist das, aber ich glaube nicht, dass das der einzige Grund ist.

ZEIT: Welche Erklärung gibt es noch für das Rätsel?

Shin: Es kursieren zahlreiche Erklärungen. Eine ist Technologie. Es gibt sehr große internationale Unternehmen, die ausgesprochen erfolgreich sind, aber nicht sehr viel Personal haben. Ihr Erfolg löst also in ihrem kleinen Segment einen Boom bei den Gehältern aus, aber das reicht nicht, um in der gesamten Volkswirtschaft die Löhne und damit die Preise steigen zu lassen. Eine weitere Erklärung könnte die Globalisierung sein, die die Preise unter Abwärtsdruck setzt. Das ist umstritten. Auf jeden Fall gilt: Die Notenbanken sollten die Inflation nicht zu wichtig nehmen.