Was in einigen deutschen Ohren wie eine fernöstliche Weisheit klingen mag, ist lediglich das Ergebnis einer Beobachtung von außen – also von jemandem, der bei einigen urdeutschen Debatten kurz innehalten muss. "Was ist deutsch?" ist eine Frage, die mich immer wieder aufhorchen lässt. Sie veranlasst mich dazu, die deutsche Mehrheit näher zu betrachten. Debatten über die deutsche Heimat und ihren Schutz beinhalten in Deutschland immer drei Begleitfragen: Wer gehört nicht dazu? Wer ist deutsch genug, um dazuzugehören? Und natürlich: Was ist deutsch?

Diese Debatte taucht hierzulande in regelmäßigen Abständen von wenigen Wochen immer wieder und leicht abgewandelt auf: Wer gehört zu Deutschland? Was ist deutsche Leitkultur? Wer muss sich an unsere Regeln halten? (Die Antwort auf die letzte Frage möchte ich gerne zwischenschieben: alle, natürlich). Diese Fragen schwingen immer mit, wenn über Burka-Verbote (bei fast nicht existierenden Burka-Trägerinnen) diskutiert wird, über angeblich urdeutsche Handschlag-Rituale (weil viele nicht mitbekommen haben, dass man sich unter Freunden umarmt), über einen Deutschzwang in migrantischen Haushalten (weil die CSU eine monolinguale Erziehung von Kindern fördern will) oder über ein Gebot der Nacktheit in deutschen Fitnessstudios (wie Jens Spahn tatsächlich fordert).

Die immer wiederkehrenden Scheindebatten rund um "Was ist deutsch?" laufen dabei stets nach einem bestimmten Muster ab: Ein besorgter Bürger mit Rang und Namen stößt zunächst eine neue Runde an. Das können Julia Klöckner, Alice Schwarzer oder Thilo Sarrazin sein. Danach werden jene Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund befragt, die auch eine Sehnsucht nach dem wahren Deutschtum entwickelt haben. Diese Tokens (um mal ein anthropologisches Fachwort einzustreuen) beteuern daraufhin, dass sie besser wüssten, welche Gefahr im Nichtdeutschen stecke, unter dem das heimatliche Abendland bald untergehen werde. Zwischendurch melden sich empörte Linke und jene Nichtweißen, die nicht einfach chillen können, und heizen die Debatten mit teils validen Argumenten, aber teils auch schrillen Tönen an. Einige alte weiße Kolumnisten warten nur darauf, dass geäußert wird, dass man diese Frage gar nicht erst stellen dürfe. Sie schreiben dann in ihre viel geklickten Kolumnen, dass sie sich zensiert fühlen und ihre Heimat nicht mehr erkennen würden. Meistens versandet der Streit in den Wochenendausgaben großer Tageszeitungen oder in Talk-Runden, bei denen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Volker Kauder auf einem Stuhl sitzt. Bis das Ganze wieder von vorne anfängt.

Wie würden sich einige Parteiprogramme ohne diese notorische Suche nach dem idealtypischen deutschen Wir lesen? Ohne das Sehnen nach der vermeintlich bald verlorenen Heimat? Was wären so viele weiße Kolumnisten und Kommentatoren nur ohne die Frage nach den Charakteristika des wahren Deutschtums? Und das TV-Programm erst: Wie sähen die beliebten Chart-Shows aus, wenn nicht mehr nach den 100 deutschesten Deutschen gesucht werden würde? Die Frage "Was ist deutsch?", sie ist ständiger Bestandteil des Alltags in Deutschland. Das gehört halt zur deutschen Heimat.