Für sie gab es keine Rolle – Seite 1

Vierundvierzig Jahre sind seit dem Tod der wahrscheinlich größten deutschsprachigen Dichterin des 20. Jahrhunderts vergangen, und endlich erscheinen biografische Darstellungen, die nicht weihrauchgeschwängert und auf Knien daherkommen. Das ist keine kleine Sensation. Ingeborg Bachmann, die voller auffallender Gegensätze war, schüchtern und karrierebewusst, liebesabenteuerlustig und einsam, hilflos und selbstbestimmt, vielsprachig und desorganisiert, hat bisher eine recht eindimensionale Rezeption erfahren: Person und Werk wurden vergöttert, in so olymphohe weibliche Leidenssphären verschoben, dass eine kritisch-ehrliche Herangehensweise mit Bodenhaftung offenbar unmöglich war. So wie, salopp gesagt, eine Generation österreichischer Schriftsteller vom Thomas-Bernhard-Sound verdorben worden ist, wurde mindestens eine Generation deutschsprachiger Literaturwissenschaftlerinnen (dezidiert ohne Binnen-I!) verdorben, die sich reihenweise an Bachmanns hohem, mehrdeutigem Ton ansteckten und ihren Unfalltod zum logischen Höhe- und Schlusspunkt eines gigantischen Leidens an der Welt erklärten. Wobei "Welt" auch durch "die Männer" oder "die deutsche Schuld" ersetzt werden kann, es rann hier alles immer ineinander.

Damit ist es nun vorbei. Ingeborg Bachmann auf ihrem verdienten Thron im Dichterhimmel darf aufhören, der weibliche Jesus der Literaturgeschichte zu sein. Die zitternde, ständig der Ohnmacht nahe Schmerzensfrau, die vom bösen Max Frisch zugrunde gerichtet wurde, tritt zurück hinter ein viel differenzierteres, vor allem würdigeres Bild. Helmut Böttiger und Ina Hartwig haben Bücher vorgelegt, die tun, was von Biografen erwartet wird: sich dem Forschungsobjekt gelassen-seriös nähern, ohne eigene Agenda (für oder gegen Max Frisch oder Paul Celan, für oder gegen den Umgang der Bachmann-Familie mit öffentlichem Bild und literarischem Nachlass) und vor allem ohne Tabus und Weiheformeln.

Ingeborg Bachmanns erster Auftritt bei der Gruppe 47 in Niendorf 1952 ging nach heutigen medialen Maßstäben krachend schief. Die Blätter fielen ihr aus der Hand, ihre Stimme versagte, jemand musste ihre Gedichte noch einmal lesen. Da es sich um ihr öffentliches Debüt handelte, die Texte sofort auf große Zustimmung stießen und es der Beginn einer märchenhaften Karriere war, kann man den Mythen beinahe beim Ranken zusehen. Das Klischee von der zagenden Dichterin hat nämlich genau hier seinen dominanten Ursprung. Bachmann war erst 26 Jahre alt, Lampenfieber darf man annehmen. In seinem Buch Wir sagen uns Dunkles über die Beziehung zwischen ihr und Paul Celan bietet Helmut Böttiger aber nun eine viel einleuchtendere Erklärung für ihren fragilen Zustand. Die beiden, die sich vier Jahre vorher in Wien verliebt hatten, sahen einander in Niendorf nach geraumer Zeit wieder. In den Monaten davor (Celan wurde auf Bachmanns Vorschlag eingeladen) hatte sie ihn brieflich neu erobern wollen, sie dachte sogar an Heirat. Aber er ließ sie (diesmal) abblitzen, eröffnete ihr im Gegenteil in seinem Hotelzimmer, dass er Gisèle Lestrange zu heiraten gedenke. Und das erklärt wohl auch, warum ihr gerade von Menschen, die dabei waren, später unterstellt wurde, Hilflosigkeit inszeniert zu haben: Denn obwohl sie sich in Interviews gern spröde und schwierig gab, war sie das unter Kollegen eigentlich nie. Sie war mit vielen befreundet, sie feierte schon damals gern und nutzte ihre Ausstrahlung weidlich aus.

Die Liebesgeschichte zwischen diesem Königskinderpaar der deutschen Nachkriegslyrik, die erst lange nach beider Tod bekannt wurde, zeichnet Böttiger jedenfalls präzise nach: wie viel und wie wenig da eigentlich geschah, spärliche Treffen, elegische Briefe, das innige Zwiegespräch in den Gedichten. Nur gelegentlich möchte man seine Interpretation ergänzen: Wenn er etwa bei Celans Gedicht Köln, Am Hof, das eine ekstatische Nacht der beiden skizziert, ausgerechnet die erotischen Anspielungen unterschlägt. "Herzzeit, es stehn / die Geträumten für / die Mitternachtsziffer" – zwölf und Null stehen für Ende und Neuanfang, schon wahr. Aber vor allem liegen die beiden Zeiger nur dann zugleich aufrecht und innig vereint übereinander! Herzzeit! Auf dem Höhepunkt der Uhr! Daran wird in der letzten Strophe noch einmal gerührt: "Ihr Dome ungesehen / ihr Ströme unbelauscht / ihr Uhren tief in uns" – in Köln, bekanntlich einer Stadt mit Strom und Dom, haben die Liebenden auf Sehenswürdigkeiten gern verzichtet. Und stattdessen den "Uhren tief in uns" gelauscht.

Ina Hartwig geht schon mit ihrem Titel unerschrocken auf das Wesentliche los: Wer war Ingeborg Bachmann? Anders als frühere Interpretinnen, die das Leben der enigmatischen Dichterin aus dem Werk erklären wollten und dadurch ständig ins metaphysische Raunen gerieten, befragte Hartwig Zeitzeugen, Freunde, Bekannte, von denen ja immer noch etliche am Leben sind. Sie erntete so hinreißende Vignetten wie "Sie schrieb ohne Rahmspritze" (Hans Magnus Enzensberger) oder "Sie trank wie eine Bäuerin, saß aber da in Chiffonkleidern" (Peter Härtling). Die Fragerin nimmt dabei auf niemanden übertriebene Rücksicht und spricht alles offen aus und an, auch eigene Zweifel an manchen Aussagen. Aber gerade weil sie Meinung und Gegenmeinung zu- und ihr subjektives Ich mitdiskutieren lässt, schält sich ein nachvollziehbares Bild der gar nicht so unbegreiflichen Ingeborg Bachmann heraus: eine hochempfindliche, hochbegabte Frau, deren Schicksal vielleicht vor allem darin bestand, die Erste zu sein. Der erste weibliche Literaturstar, mal auf dem Spiegel- Titel emporgejubelt, dann hämisch runtergeschrieben. Die erste nichtjüdische Künstlerin, die sich der Monstrosität der Nazi-Verbrechen nicht nur stellte, sondern die Schizophrenie des Weiterlebens "danach" selbst durchlitt: als schambeladene Tochter eines überzeugten NS-Parteimitglieds und als sich symbiotisch fühlende Geliebte von Celan, dem beide Eltern ermordet worden waren.

Dichter biografischer Nebel

Sie war eine Frau, die ein unabhängiges Künstlerleben führen wollte, auf Augenhöhe mit den männlichen Kollegen. Daher blieb sie allein, fast immer allein. Die schreibenden Männer hatten Frauen und Kinder zu Hause, selbst wenn diese wechselten. Max Frisch, mit dem als Einzigem sie das Wagnis des Zusammenlebens einging und der sie gerade deshalb so sehr verletzen konnte, ist ein gutes Beispiel dafür – unfähig, einmal keine feste Frau zu Hause zu haben, auch wenn er sich keine belebende Affäre entgehen ließ. Befreundete Schriftstellerinnen wie Ilse Aichinger und Marie Luise Kaschnitz lebten das traditionelle Modell mit Kindern. Für Ingeborg Bachmann gab es keine Rolle. Zwar wollte sie auch keine, aber das verhinderte nicht, dass sie unter dem fehlenden Halt litt.

Ina Hartwigs Buch, dem man nur seine Selbstbeschränkung (Eine Biographie in Bruchstücken) vorwerfen mag – wie nötig wäre eine vollständige Biografie mit diesem klaren und klugen Zugriff –, reißt alle Türen und Fenster in der muffigen Bachmann-Kirche auf. Angeregt durch kürzlich erschienene Texte aus dem Nachlass, aktuelle Forschungen und eigene Recherche, ergeben sich neue Blickwinkel. Selbst das hartnäckige Gerücht, Bachmann habe eine Liebesbeziehung mit Henry Kissinger gehabt, ist nun verifiziert: Ina Hartwig hat den 94-Jährigen einfach gefragt, und er, der bei der Erwähnung Bachmanns immer noch ins Schwärmen gerät, hat es jedenfalls nicht strikt verneint.

Nur in einer Fußnote erwähnt Ina Hartwig, dass die "Trauer um nicht gehabte, ungeborene, 'ermordete' und verkrüppelte Kinder" ein "schreiendes Leitmotiv" in Bachmanns Texten sei – hier zeichnet sich wirklich Neues ab. Und es ist herrlich, wie ein bis zum Erbrechen zitierter Bachmann-Satz mit wenigen Worten in eine andere Bedeutungsgalaxie befördert wird. "Es war Mord": So endet bekanntlich der Roman Malina, und Bachmanns solidarische Nachfühlerinnen haben das als fast konkrete Anklage (am liebsten gegen Max Frisch) gelesen. Ina Hartwig nun schreibt im Gegenteil das Wörtchen "Selbstzerstörung" hin und ergänzt gelassen: "Zu dieser Lesart neige ich." Wie recht sie hat! Als hätte der scharfsinnigen Bachmann entgehen können, was sie sich antat. Aber je eigensinniger ein Mensch, desto tödlicher auch die Abwärtsspirale, wenn er sich nicht mehr zu helfen weiß.

Nachdem die 47-jährige Ingeborg Bachmann in ihrer römischen Wohnung durch eine Zigarette und ein Kunststoffnachthemd schwere Brandverletzungen erlitten hatte, lag sie drei Wochen auf der Intensivstation, in den ersten Tagen sogar noch ansprechbar, bevor sie ins Koma fiel. Das schaurige Tableau, das gleich am Buchanfang steht, erinnert frappant an den Tod eines anderen viel zu jung verstorbenen und schwer süchtigen österreichischen Genies. So wie Joseph Roth in Paris starb, weil niemand das Krankenhaus über seine Alkoholsucht informierte, teilte niemand den römischen Ärzten mit, dass Bachmann massiv von Barbituraten abhängig war. Ob sie das hätte retten können, versucht Ina Hartwig zu klären, indem sie Ärztemeinungen einholt (fest steht, sie wäre anders behandelt worden). Zumindest das Warum des Verschweigens kann man nun besser verstehen. Zwei Freundinnen Bachmanns haben kürzlich ihre Aussage korrigiert. Und so lag es offenbar nicht nur am Schweigegebot von Bachmanns Schwester, sondern auch am befreundeten Ehepaar Auer, das sie unkritisch mit Tabletten versorgt hatte und seine Mitschuld verschleiern wollte. Dass überforderte Freunde wie Roberto Calasso und Hans Werner Henze im hysterischen Chaos von Mord sprachen (anonyme Drogendealer wurden verdächtigt, während die wahren Lieferanten im Krankenhaus ein und aus gingen) und Strafanzeige gegen unbekannt erstatteten, setzte dem Drama das letzte Irrlicht auf.

All das war auch für Bachmanns Nachleben fatal. Es hat ihm einen schrillen, verfälschenden Rahmen gegeben. Als wäre alles auf diesen Tod zugelaufen. Das ist es nicht. Am Tag nach dem Brandunfall hätte sie eine Entziehungskur antreten wollen. Ingeborg Bachmanns Humor, ihre Begabung zur Freundschaft, ihre Vielsprachig- und Weltläufigkeit, ihre Lust an Inszenierung, an Weiblichkeit und Intellektualität und schließlich die enorme Kraft, die von ihrer Persönlichkeit ausging, können offenbar erst jetzt richtig entdeckt werden. Vielleicht aber ist es ein Merkmal großer Werke, dass sie besonders dichte biografische Nebel erzeugen.

Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017; 320 S., 22,– €, als E-Book 19,99 €

Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan; DVA, München 2017; 272 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €