Simon glaubt an zwei Arten von Schuld: Da gibt es die Schuld, die hier auf Erden auf dem Menschen lastet, die Gerichte feststellen und die abgegolten werden kann. Und dann ist da die Schuld, die man erst nach dem Tod begleicht, wenn man vor seinem Schöpfer steht. Diese Schuld lastet auf Simons Schultern.

Ich kann nicht sagen, an welchem Tag oder auch zu welcher Jahreszeit es war. Ich weiß nur, dass ich in der elften Klasse an Pornos rangekommen bin. Die hat mein Mitschüler immer auf CDs gebrannt und dann verteilt. Damals, Anfang des Jahrtausends, konnte man ja noch nicht alles im Internet streamen. Manchmal habe ich ihm dafür fünf Euro gegeben. Davor habe ich so was niemals angeschaut. Ich glaube, ich wusste nicht mal, dass es solche Filme gibt. Ich war von der sexuellen Entwicklung her ziemlich unbedarft. Meine Schwester hat zu der Zeit ganz normale Filme mit mir auf meinem Computer angesehen. Irgendwann habe ich ihr dann den ersten Porno gezeigt. Wir haben die Dinge aus dem Film dann ein bisschen nachgespielt, haben uns beide ausgezogen und uns angefasst. So fing alles an. Ich war damals 16 Jahre alt. Meine Schwester war zehn.

An einem sonnigen Tag im Juni 2016 steigt irgendwo in Deutschland ein Mann aus einem schwarzen Auto. Sein blau kariertes Hemd trägt er bis auf den letzten Knopf geschlossen. Seine Finger spielen miteinander, auf der Stirn hat er kleine Schweißperlen. Der Mann soll in dieser Geschichte Simon heißen. Er läuft auf das Haus zu, in dem er schon viele Stunden redend verbracht hat. Drinnen: drei Stühle um einen kleinen Tisch, Kaffee und Tee. Es ist die Praxis einer Psychologin. Sie hat den Kontakt hergestellt und wird bei diesem ersten Gespräch dabei sein, danach nicht mehr. Wo der Mann lebt, ist nicht weiter wichtig, seine Geschichte könnte überall in Deutschland spielen. Zum Schutze der Privatsphäre aller Beteiligten wurden alle Namen geändert. Über ein Jahr lang hat die ZEIT Simon begleitet. Hat mit ihm über seine Jugend gesprochen, war dabei, als er sich seiner Schuld stellte.

Simon ist heute Mitte 30, steht fest im Leben. Familienauto, große Wohnung, im Sommer Urlaub mit Freunden und Familie. Man traut ihm nichts Böses zu, wenn man ihm auf der Straße begegnet, er ist nett, zuvorkommend. Und doch gibt er Einblick in eine Situation, die wahrscheinlich häufiger in Familien vorkommt, als man glaubt. In den Missbrauch zwischen Geschwistern.

Irgendwann hatten wir ein System: Wir waren in ein neues Haus eingezogen, und der Vorteil war jetzt, dass unsere Betten Wand an Wand standen. Also klopfte ich abends, wenn ich wusste, dass niemand etwas mitbekommt, dreimal an die Wand. Das war sozusagen die Frage: "Kommst du rüber?" Wenn meine Schwester einmal klopfte, dann bedeutete das, sie kommt. Klopfte sie zweimal, wollte sie nicht. Ich habe das dann akzeptiert. Strafen oder Belohnungen gab es nie. Meistens aber kam sie. Wir mussten natürlich leise sein, damit niemand etwas merkt. Ich war immer ein großer Fan der Bundeswehr. Über meinem Bett hing ein Tarnnetz, wie sie es bei der Truppe benutzen. Das haben wir über dem Bett ausgebreitet, wenn meine Schwester bei mir war. Häufig fingen wir damit an, dass ich ihr einen neuen Porno zeigte. Ich weiß nicht mehr, wie die alle hießen. "Gina Wild", Teil 1 bis 6, war glaube ich, dabei. Dann sind wir gemeinsam in mein Bett gegangen, haben gekuschelt und die Szenen nachgespielt. Ich habe mich auf sie draufgelegt, ohne in sie einzudringen. Wir haben uns gegenseitig angefasst, es kam zum Oralverkehr. Nach einer Weile habe ich sie in ihr Zimmer geschickt und mich zu Ende befriedigt. Heute frage ich mich, wie es sein kann, dass meine Eltern nichts mitbekommen haben. Unsere Zimmer waren im oberen Stockwerk, genau über dem Wohnzimmer. Dort haben sich meine Eltern abends immer aufgehalten und Fernsehen geschaut. Manchmal dachten wir, dass jemand hochkommt. Meine Schwester hat sich dann schnell angezogen und ist in ihr Zimmer gehuscht.

Simons Schwester, Anna soll sie hier heißen, sagt ebenfalls, dass es weder zu Zwang noch zu Belohnungen kam. Zu einem direkten Gespräch zwischen Anna und der ZEIT kommt es nicht, aber in der Aussage, die Anna bei der Polizei gemacht hat, bestätigt sie alles. Anna sagt, sie sei zu jung gewesen, um zu verstehen, was ihr großer Bruder mit ihr macht. Sie beschreibt, wie ihr Bruder sie langsam an die Situation heranführt, mit ihr kuschelt, Nähe sucht. Anfangs empfindet sie dies als angenehm, zwischen Kindern und Eltern gab es wenig körperliche Nähe. Doch Simon geht immer einen Schritt weiter, und sie macht, was er ihr sagt. Mit der Zeit merkt sie sich Sätze aus den Pornos und spricht sie nach. Erst sehr viel später versteht sie, was damals vor sich ging.

In einer englischen Studie zum Thema Kindesmissbrauch wurden im Jahr 2000 insgesamt 2.869 Personen zwischen 18 und 24 Jahren befragt. 43 Prozent derer, die als Kind missbraucht wurden, wurden von ihren Geschwistern missbraucht. Der US-amerikanische Forscher John Caffaro, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt, schätzt sogar, dass der Missbrauch zwischen Geschwistern drei- bis fünfmal häufiger vorkommt als der zwischen Vater und Tochter. Dies sei aber kaum im öffentlichen Bewusstsein verankert. Die polizeiliche Kriminalstatistik unterscheidet nicht zwischen einzelnen Arten des innerfamiliären Missbrauchs. Ob der Vater die Tochter missbraucht oder der Bruder die Schwester – alles wird unter dem Begriff "Ehe/Partnerschaft/Familie" subsumiert.

In den Gesprächen mit meiner Psychologin haben wir uns gefragt, ob wir vielleicht ein System in der Familie hatten, dass alles in Ordnung ist, solange sich niemand meldet. Und da meine Schwester und ich ja nie darüber gesprochen haben, was ist, haben sich meine Eltern wahrscheinlich auch nie Gedanken darüber gemacht, wenn sie was knacken hörten. Unsere Brüder lagen ja auch direkt nebenan. Wir hatten alle Zimmer im gleichen Stockwerk. Auch sie sagen, sie hätten nichts gemerkt.

Vier Jahre lang missbraucht Simon seine Schwester, oft mehrmals in der Woche. Zum Geschlechtsverkehr kommt es nie, zum Samenerguss ebenfalls nicht. Oralverkehr gibt es selten. Simon ist bewusst, dass er etwas Verbotenes tut, und er geht strategisch vor. Seine Schwester berichtet, Simon habe sie einmal gefragt, ob sie schon ihre Tage habe. Sie habe damit nichts anfangen können, erzählt sie. Sie war ein Kind. Anna gibt bei der Polizei an, Sex sei in der Familie ein Tabuthema gewesen. Simon bestätigt das. Auch aufgeklärt wurden die Geschwister nicht.

Mit der Zeit habe ich mich in der Situation eingerichtet. Mit meiner Schwester konnte ich auf sexueller Ebene Nähe erleben, die ich sonst nirgendwo bekommen habe. Auf eine nicht erlaubte Weise habe ich mir meine sexuellen Erfahrungen geholt, die in dem Alter eigentlich jeder macht – nur eben mit Personen, die dafür auch geschaffen sind. Und da gab es natürlich diesen Punkt, über den ich nicht hinausgehen durfte. Mir war klar, dass ich nicht mit meiner Schwester schlafen kann. Ich bin eben so weit gegangen, wie ich konnte. Ich wollte Erfahrungen sammeln. Mein Alter und dass ich der große Bruder war, haben mir mit Sicherheit geholfen. Schon deswegen gab es ein gewisses Machtgefälle. Das habe ich ausgenutzt. Ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn ich eine Freundin gehabt hätte. Meine Psychologin und ich haben darüber gesprochen, ob ich mir vielleicht von meiner Schwester die Liebe geholt habe, die ich von meinen Eltern nicht bekam. Für mich ist das immer so ein Vorwurf, wenn ich sage, meine Eltern haben mich nicht geliebt. Aber in gewisser Weise kann es schon sein, dass meine Eltern eher pragmatisch waren. Ich glaube, sie wollten ihre Kinder vor allen Dingen gut erziehen. Zuneigung war zwar Teil der Erziehung, aber kein wirklich großer. Vielleicht habe ich mit meiner Schwester etwas kompensiert – ich weiß es nicht. Vorher gab es solche Situationen ja auch nie. Nur einmal, als ich selbst erst neun Jahre alt war, da waren wir im Urlaub, und ich und meine Schwester haben uns gegenseitig entdeckt. Doktorspiele nennt man das, glaube ich. Als mein Vater das gesehen hat, da wurde er richtig wütend. Er sagte, dass man das nicht mache. Dann haben wir es sein lassen.