Simon glaubt an zwei Arten von Schuld: Da gibt es die Schuld, die hier auf Erden auf dem Menschen lastet, die Gerichte feststellen und die abgegolten werden kann. Und dann ist da die Schuld, die man erst nach dem Tod begleicht, wenn man vor seinem Schöpfer steht. Diese Schuld lastet auf Simons Schultern.

Ich kann nicht sagen, an welchem Tag oder auch zu welcher Jahreszeit es war. Ich weiß nur, dass ich in der elften Klasse an Pornos rangekommen bin. Die hat mein Mitschüler immer auf CDs gebrannt und dann verteilt. Damals, Anfang des Jahrtausends, konnte man ja noch nicht alles im Internet streamen. Manchmal habe ich ihm dafür fünf Euro gegeben. Davor habe ich so was niemals angeschaut. Ich glaube, ich wusste nicht mal, dass es solche Filme gibt. Ich war von der sexuellen Entwicklung her ziemlich unbedarft. Meine Schwester hat zu der Zeit ganz normale Filme mit mir auf meinem Computer angesehen. Irgendwann habe ich ihr dann den ersten Porno gezeigt. Wir haben die Dinge aus dem Film dann ein bisschen nachgespielt, haben uns beide ausgezogen und uns angefasst. So fing alles an. Ich war damals 16 Jahre alt. Meine Schwester war zehn.

An einem sonnigen Tag im Juni 2016 steigt irgendwo in Deutschland ein Mann aus einem schwarzen Auto. Sein blau kariertes Hemd trägt er bis auf den letzten Knopf geschlossen. Seine Finger spielen miteinander, auf der Stirn hat er kleine Schweißperlen. Der Mann soll in dieser Geschichte Simon heißen. Er läuft auf das Haus zu, in dem er schon viele Stunden redend verbracht hat. Drinnen: drei Stühle um einen kleinen Tisch, Kaffee und Tee. Es ist die Praxis einer Psychologin. Sie hat den Kontakt hergestellt und wird bei diesem ersten Gespräch dabei sein, danach nicht mehr. Wo der Mann lebt, ist nicht weiter wichtig, seine Geschichte könnte überall in Deutschland spielen. Zum Schutze der Privatsphäre aller Beteiligten wurden alle Namen geändert. Über ein Jahr lang hat die ZEIT Simon begleitet. Hat mit ihm über seine Jugend gesprochen, war dabei, als er sich seiner Schuld stellte.

Simon ist heute Mitte 30, steht fest im Leben. Familienauto, große Wohnung, im Sommer Urlaub mit Freunden und Familie. Man traut ihm nichts Böses zu, wenn man ihm auf der Straße begegnet, er ist nett, zuvorkommend. Und doch gibt er Einblick in eine Situation, die wahrscheinlich häufiger in Familien vorkommt, als man glaubt. In den Missbrauch zwischen Geschwistern.

Irgendwann hatten wir ein System: Wir waren in ein neues Haus eingezogen, und der Vorteil war jetzt, dass unsere Betten Wand an Wand standen. Also klopfte ich abends, wenn ich wusste, dass niemand etwas mitbekommt, dreimal an die Wand. Das war sozusagen die Frage: "Kommst du rüber?" Wenn meine Schwester einmal klopfte, dann bedeutete das, sie kommt. Klopfte sie zweimal, wollte sie nicht. Ich habe das dann akzeptiert. Strafen oder Belohnungen gab es nie. Meistens aber kam sie. Wir mussten natürlich leise sein, damit niemand etwas merkt. Ich war immer ein großer Fan der Bundeswehr. Über meinem Bett hing ein Tarnnetz, wie sie es bei der Truppe benutzen. Das haben wir über dem Bett ausgebreitet, wenn meine Schwester bei mir war. Häufig fingen wir damit an, dass ich ihr einen neuen Porno zeigte. Ich weiß nicht mehr, wie die alle hießen. "Gina Wild", Teil 1 bis 6, war glaube ich, dabei. Dann sind wir gemeinsam in mein Bett gegangen, haben gekuschelt und die Szenen nachgespielt. Ich habe mich auf sie draufgelegt, ohne in sie einzudringen. Wir haben uns gegenseitig angefasst, es kam zum Oralverkehr. Nach einer Weile habe ich sie in ihr Zimmer geschickt und mich zu Ende befriedigt. Heute frage ich mich, wie es sein kann, dass meine Eltern nichts mitbekommen haben. Unsere Zimmer waren im oberen Stockwerk, genau über dem Wohnzimmer. Dort haben sich meine Eltern abends immer aufgehalten und Fernsehen geschaut. Manchmal dachten wir, dass jemand hochkommt. Meine Schwester hat sich dann schnell angezogen und ist in ihr Zimmer gehuscht.

Simons Schwester, Anna soll sie hier heißen, sagt ebenfalls, dass es weder zu Zwang noch zu Belohnungen kam. Zu einem direkten Gespräch zwischen Anna und der ZEIT kommt es nicht, aber in der Aussage, die Anna bei der Polizei gemacht hat, bestätigt sie alles. Anna sagt, sie sei zu jung gewesen, um zu verstehen, was ihr großer Bruder mit ihr macht. Sie beschreibt, wie ihr Bruder sie langsam an die Situation heranführt, mit ihr kuschelt, Nähe sucht. Anfangs empfindet sie dies als angenehm, zwischen Kindern und Eltern gab es wenig körperliche Nähe. Doch Simon geht immer einen Schritt weiter, und sie macht, was er ihr sagt. Mit der Zeit merkt sie sich Sätze aus den Pornos und spricht sie nach. Erst sehr viel später versteht sie, was damals vor sich ging.

In einer englischen Studie zum Thema Kindesmissbrauch wurden im Jahr 2000 insgesamt 2.869 Personen zwischen 18 und 24 Jahren befragt. 43 Prozent derer, die als Kind missbraucht wurden, wurden von ihren Geschwistern missbraucht. Der US-amerikanische Forscher John Caffaro, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt, schätzt sogar, dass der Missbrauch zwischen Geschwistern drei- bis fünfmal häufiger vorkommt als der zwischen Vater und Tochter. Dies sei aber kaum im öffentlichen Bewusstsein verankert. Die polizeiliche Kriminalstatistik unterscheidet nicht zwischen einzelnen Arten des innerfamiliären Missbrauchs. Ob der Vater die Tochter missbraucht oder der Bruder die Schwester – alles wird unter dem Begriff "Ehe/Partnerschaft/Familie" subsumiert.

In den Gesprächen mit meiner Psychologin haben wir uns gefragt, ob wir vielleicht ein System in der Familie hatten, dass alles in Ordnung ist, solange sich niemand meldet. Und da meine Schwester und ich ja nie darüber gesprochen haben, was ist, haben sich meine Eltern wahrscheinlich auch nie Gedanken darüber gemacht, wenn sie was knacken hörten. Unsere Brüder lagen ja auch direkt nebenan. Wir hatten alle Zimmer im gleichen Stockwerk. Auch sie sagen, sie hätten nichts gemerkt.

Vier Jahre lang missbraucht Simon seine Schwester, oft mehrmals in der Woche. Zum Geschlechtsverkehr kommt es nie, zum Samenerguss ebenfalls nicht. Oralverkehr gibt es selten. Simon ist bewusst, dass er etwas Verbotenes tut, und er geht strategisch vor. Seine Schwester berichtet, Simon habe sie einmal gefragt, ob sie schon ihre Tage habe. Sie habe damit nichts anfangen können, erzählt sie. Sie war ein Kind. Anna gibt bei der Polizei an, Sex sei in der Familie ein Tabuthema gewesen. Simon bestätigt das. Auch aufgeklärt wurden die Geschwister nicht.

Mit der Zeit habe ich mich in der Situation eingerichtet. Mit meiner Schwester konnte ich auf sexueller Ebene Nähe erleben, die ich sonst nirgendwo bekommen habe. Auf eine nicht erlaubte Weise habe ich mir meine sexuellen Erfahrungen geholt, die in dem Alter eigentlich jeder macht – nur eben mit Personen, die dafür auch geschaffen sind. Und da gab es natürlich diesen Punkt, über den ich nicht hinausgehen durfte. Mir war klar, dass ich nicht mit meiner Schwester schlafen kann. Ich bin eben so weit gegangen, wie ich konnte. Ich wollte Erfahrungen sammeln. Mein Alter und dass ich der große Bruder war, haben mir mit Sicherheit geholfen. Schon deswegen gab es ein gewisses Machtgefälle. Das habe ich ausgenutzt. Ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn ich eine Freundin gehabt hätte. Meine Psychologin und ich haben darüber gesprochen, ob ich mir vielleicht von meiner Schwester die Liebe geholt habe, die ich von meinen Eltern nicht bekam. Für mich ist das immer so ein Vorwurf, wenn ich sage, meine Eltern haben mich nicht geliebt. Aber in gewisser Weise kann es schon sein, dass meine Eltern eher pragmatisch waren. Ich glaube, sie wollten ihre Kinder vor allen Dingen gut erziehen. Zuneigung war zwar Teil der Erziehung, aber kein wirklich großer. Vielleicht habe ich mit meiner Schwester etwas kompensiert – ich weiß es nicht. Vorher gab es solche Situationen ja auch nie. Nur einmal, als ich selbst erst neun Jahre alt war, da waren wir im Urlaub, und ich und meine Schwester haben uns gegenseitig entdeckt. Doktorspiele nennt man das, glaube ich. Als mein Vater das gesehen hat, da wurde er richtig wütend. Er sagte, dass man das nicht mache. Dann haben wir es sein lassen.

Sie beginnt, sich zu verletzen, hegt Suizidgedanken

Und dann, plötzlich, von einem Tag auf den anderen, ist der Missbrauch Geschichte. Jedenfalls für Simon. Als er 20 Jahre alt ist, zieht er aus und hat jetzt keinen täglichen Kontakt mehr zu seiner Schwester. Simon beginnt eine Ausbildung und startet ein normales Leben: eine erste eigene Wohnung, neue Freunde in einer neuen Stadt. Seine Schwester bleibt zurück.

Der Polizei beschreibt Anna, wie sich ihre Situation nach Simons Auszug zugespitzt hat. Sie entwickelt Probleme, Bindungen zu Männern aufzubauen und muss ihre Berufsausbildung abbrechen, Klinikaufenthalte und verschiedene Psychotherapien folgen. Sie habe sich nicht mehr selbst versorgen können, gibt sie zu Protokoll. Immer wieder musste sie zu Hause aufgenommen, dort gepflegt werden. Anna beginnt, sich selbst zu verletzen, hegt Suizidgedanken.

Als ich noch Jugendlicher war, hatte ich viel mit der Kirche zu tun. Ich war Messdiener, später auch leitender Messdiener. Ich habe mich gut mit dem Pfarrer in unserer Gemeinde verstanden. Irgendwie muss das wohl den Ausschlag gegeben haben, dass ich mich in diese Richtung auch beruflich orientiert habe. Zu der Zeit habe ich auch meine Frau kennengelernt. Es lief gut für mich. Zwar habe ich mich beruflich noch umorientiert, aber ich kam voran. Einmal reiste ich ins Ausland und las gemeinsam mit meiner Reisegruppe die Bibel. Jeden Abend schrieb ich Tagebuch, ich beschäftigte mich viel mit mir, dachte über alles nach.

Manchmal holt Simon seine schwarze Kladde mit den roten Ecken wieder heraus und blättert darin. Auf einer vollgeschriebenen Seite seines Tagebuchs steht ganz unten: "Ich muss die Sache mit Anna klären." Nur ein Satz, aber ein bedeutender. Ein Schritt auf seine Schwester zu hätte vielleicht die Chance eröffnet, den Missbrauch aufzuarbeiten, Anna zu helfen und für das geradezustehen, was er ihr angetan hat. Doch sein Vorhaben nimmt Simon nie in Angriff.

Die Jahre vergehen, und während er ein gutes Leben führt, geht es Anna immer schlechter. Sie sucht nach Orientierung, die sie nicht findet. Depressionen, abgebrochene Ausbildungen und schließlich: ein missglückter Selbstmordversuch. Simon sagt heute, dass er sich nie verantwortlich fühlte für die psychischen Probleme seiner Schwester. Anna kommt in dieser Zeit häufig zum Bruder, wenn sie Hilfe braucht. Er ist einer ihrer ersten Ansprechpartner. In gewisser Weise ist ihre Abhängigkeit von ihm immer noch da, bloß das entscheidende Thema kommt nie zur Sprache. Zehn Jahre lang lüften weder sie noch Simon das gemeinsame Geheimnis.

Im Herbst 2016 begleitet die ZEIT Simon bei einem Besuch in seiner Heimat. Es ist einer der letzten sonnigen Tage, bevor die Natur sich auf den Winter vorbereitet. Simon steigt den Berg hinauf, den er oft gemeinsam mit seiner Schwester erklommen hat. Wenn es um den Missbrauch geht, ist es schwierig für ihn, zu sprechen. Er meidet das Wort, spricht von "der Sache" oder "dem, was damals passiert ist". Manchmal bittet er um eine Pause, dann steigt ihm das Blut in den Kopf, er sucht die passenden Worte. Im nächsten Augenblick spricht er ganz abgeklärt weiter. Am Gipfelkreuz angekommen, blickt Simon sich um, atmet durch.

Wenn meine Schwester reden wollte, dann kam sie zu mir. Komisch, oder? Ich meine, ich habe ihr so viel angetan, und trotzdem hat sie mich um Hilfe gebeten. Wir sind dann eine Runde spazieren gegangen. Entweder hier herauf oder um den See da unten. Wir haben lange gesprochen, ich wollte ihr helfen. Ich wünsche mir manchmal, sie würde sich wieder bei mir melden, dass ich wieder ihr Ansprechpartner bin, dass ich ihr helfen kann. Aber das ist natürlich Blödsinn, nach allem, was war.

Simon steigt hinab, setzt sich ins Auto, fährt ins Tal. Nur wenige Kilometer sind es von hier bis zum alten Zuhause. In seinem Kinderzimmer erinnert nicht mehr viel an früher. Nur der Kleiderschrank und eine Lampe. Simon fährt zum Friedhof und geht die schmalen Wege bis zum Grab seiner Mutter. Der Grabstein ist schlicht, bis auf ein kleines Foto im Gestein. Simon wird still. Seine Schwester wohnt immer noch in der Gegend, bringt manchmal Blumen ans Grab. Er hat Sorge, er könne ihr begegnen.

Meine Mutter hatte einen Hirntumor. Nach ihrem Tod ging meine Schwester in eine Therapie, und ich war ab diesem Augenblick nicht mehr ihr Ansprechpartner. Irgendwann bat sie meinen Vater zum Gespräch. Da hat sie es ihm wohl gesagt. Ich hab immer gedacht: Hoffentlich ist es etwas anderes – aber im Grunde wusste ich, dass die Sache jetzt herauskommt. Einige Wochen später kam der Brief. Es war Sommer. Jeder in der Familie hat so einen Brief bekommen. Meine Schwester schrieb, dass einiges passiert sei und sie ein Gespräch möchte. Ich habe jeden Tag gehofft, dass es nicht um den Missbrauch geht. Ich veränderte mich, zog mich zurück, wusste nicht, was ich machen sollte. Meine Frau fragte mich, was los sei. Bis heute ist mir nicht klar, ob meine Mutter wusste, was in unserer Familie vor sich ging, oder ob sie ahnungslos gestorben ist. Vielleicht war ihr Tod der Ausgangspunkt für meine Schwester, jetzt reinen Tisch zu machen.

Die Mutter – einer der ganz wenigen Punkte, an denen die Erinnerungen von Simon und Anna auseinandergehen. Simon sagt, er bezweifle, dass seine Mutter vom Missbrauch wusste; seine Schwester ist sich sicher, sie wusste es. Einmal, als die beiden gemeinsam im Bett lagen, erinnert sie sich, sei abends die Zimmertür aufgegangen, und die Mutter habe im Raum gestanden. Sie habe ihre Kinder angesehen und sei mit den Worten "alles in Ordnung" wieder hinausgegangen. Ein anderes Mal habe die Mutter zu Anna gesagt, sie solle froh sein über die Liebe ihres Bruders. Aber: Ist das ein Beweis? Auf dem Sterbebett – so berichtet es Anna – soll die Mutter dem Vater gesagt haben, etwas in der Familie stimme nicht, der Simon habe die Anna damals missbraucht. Simon weiß nichts davon.

Ist er pädophil?

Im September war es dann so weit. Kurz vor dem Gespräch waren wir noch essen. Mein Vater, meine Brüder und ich. Als mein Vater und ich kurz allein waren, sagte er zu mir: "Es geht heute um dich, Simon." Da wusste ich, dass es nun rauskommen würde. Wir kamen in einen Raum. Zwei Therapeuten haben zusammen mit meiner Schwester und meiner Tante dort gewartet. Die Tante war zur Unterstützung meiner Schwester dabei. Jeder von uns wurde gefragt, warum wir denken, dass wir hier seien. Da habe ich zu meiner Schwester gesagt: "Ich glaube, dass ich Fehler gemacht habe, die schon eine Weile zurückliegen, und ich wusste, dass der Tag kommen würde, an dem das Thema auf den Tisch kommt." Nach dem Gespräch war ich irgendwie erleichtert. Wir beide haben die Last immer mit uns herumgeschleppt, dieses Geheimnis. Und nun wurde es ausgesprochen. Vielleicht hätte ich irgendwann selbst reinen Tisch gemacht. Vielleicht am Ende meines Lebens. Aber das kann ich jetzt natürlich leicht sagen. Meine Schwester hat viel geweint. Wirklich persönlich miteinander gesprochen haben wir nicht. Vielleicht haben wir uns am Ende "Tschüs" gesagt, ich weiß es nicht mehr. Klar war nur, dass da noch mehr kommen würde. Sie hatte so traurige Augen. Danach habe ich meine Schwester nicht mehr gesehen. Die Therapeuten haben mir Kontaktdaten von einem Netzwerk gegeben, das Pädophilen helfen soll.

Anna macht während des Gesprächs deutlich, dass Simon Schuld an ihrer Situation habe. Niemand sonst. Mit dem Tod der Mutter begann ihre Aufarbeitung, mehr als zehn Jahre nach dem letzten Missbrauch. Und plötzlich erfuhren es alle: Vater, Brüder, Tanten, Großeltern. Der Polizei erzählt Anna, sie habe sich bei dem Familientribunal unverstanden gefühlt. Vor allem ihre anderen Brüder hätten das Ganze abgetan, als nicht so schlimm empfunden. Der Vater habe ihr Vorwürfe gemacht, sie hätte sich früher an ihn wenden sollen, deshalb treffe sie genauso Schuld an der Sache wie Simon. Die Geschwister erinnern sich beide daran, dass ihr Vater etwas sagte wie: "Wenn du zu mir gekommen wärest, dann hätte ich was unternommen."

Anna fühlt sich davon getroffen. Sie sagt: "Ich bin so, wie ich bin, weil Simon mich missbraucht hat." Sie macht klar, dass sie an Familienfesten nicht mehr teilnehmen werde und keinen Kontakt mehr zu Simon haben will.

Simon trifft die Aufarbeitungsanstrengung seiner Schwester in einer sensiblen Phase: Seine Frau erwartet in wenigen Wochen ihr erstes Kind. Er hat ihr nie von seiner Vergangenheit erzählt, es nicht einmal in Betracht gezogen. Nun muss er handeln.

Wenn Nicole, seine Frau, an jenen Tag im Jahr 2014 zurückdenkt, an dem sie alles erfuhr, kann sie es immer noch nicht fassen. Sie sitzt im Wohnzimmer und blickt hinaus auf den Balkon, wo das leere Planschbecken vom Sommer noch aufgebaut steht. "Dort haben wir gesessen", sagt sie ruhig und fast etwas abwesend. Sie habe keine Ahnung gehabt, worum es geht. Sie dachte, Simons Schwester bäte ihre Angehörigen um mehr Unterstützung in ihrer schwierigen psychischen Situation. "Ich habe noch zu Simon gesagt, er solle sich nicht um den Finger wickeln und sich nicht einreden lassen, dass er an irgendwas Schuld trage", sagt sie und schüttelt den Kopf.

Als Simon an diesem Tag heimkommt, ist er nicht allein. Sein Vater und dessen Freundin begleiten ihn. Simon hat Angst vor dem Gespräch mit der hochschwangeren Nicole. Gemeinsam gehen sie essen, trinken Kaffee. Nicole fragt nicht, was es zu besprechen gibt. Für sie sind es Stunden voller Ungewissheit. Am Nachmittag setzen sich alle auf den Balkon. Simon schaut Nicole ernst an und beginnt zu erzählen.

"Zuerst habe ich ihn gefragt, ob das, wovon er hier spricht, sexueller Missbrauch sei", erzählt Simons Frau und schluckt kräftig. "Er hat gesagt: in gewisser Weise schon." Hin und wieder, wenn Simon etwas nicht erwähnt, springt sein Vater ein und ergänzt es. An diesem Nachmittag gerät Nicoles Leben ins Wanken. Kurz vor der Geburt bricht ihre Hoffnung auf ein normales Leben zusammen. Kann sie sich darauf verlassen, dass ihr Mann sich nicht auch am gemeinsamen Kind vergreift? Ist er pädophil? Wie konnte sie sich so täuschen in dem Mann, mit dem sie eine Familie gründen will? "Man könnte sagen, ich sei naiv, aber ich glaube nicht, dass er seine Schwester missbraucht hat, weil sie ein Kind war", sagt sie heute. "Ich glaube das einfach nicht." Nicole glaubt, dass es in Simons Familie an Nähe fehlte, die sich die Geschwister dann voneinander holten – und dass Simon hierbei schreckliche Fehler gemacht hat.

An diesem Abend saßen wir noch lange auf dem Sofa. Mein Vater und seine Partnerin sind gefahren. Nicole hat viel geweint. Aber sie hat auch Nähe zugelassen. Ich habe sie umarmt. Es war so, als sei etwas geplatzt. Die Schwangerschaft hat die Situation natürlich nicht einfacher gemacht. Sie hat immer gesagt: Falls sie irgendwann mitbekommt, dass ich etwas mit unserem Kind mache, dann ist sie weg. Und ich musste ihr versprechen, dass ich es ihr sage, wenn ich irgendeine Art von Zuneigung empfinde, die nicht da sein sollte. Heute weiß ich, dass ich nicht pädophil bin. Für meine Frau war das sehr belastend. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass sie darüber nachdenkt, mich zu verlassen.

Nach der Beichte kehrt erst einmal so etwas wie Ruhe ein. Simon hört nichts mehr von der Schwester. Er denkt darüber nach, Kontakt zu ihr aufzunehmen, doch er entscheidet sich dagegen, er möchte die Emotionen nicht weiter anfeuern. Heute hält er das für einen Fehler. Monate vergehen, in denen nichts geschieht.

Anna ist mittlerweile Mitte zwanzig. Sie möchte dem Ganzen ein Ende setzen und mit sich selbst Frieden schließen. Sie habe sehr gelitten und möchte nicht mehr schweigen, sagt sie der Polizei. An einem Dienstag, ein halbes Jahr nach dem Treffen, findet Simon im Briefkasten ein Schreiben: Seine Schwester hat ihn wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Es wird gegen ihn ermittelt.

"Natürlich habe ich Strafe verdient"

Simon nimmt sich einen Verteidiger. Jetzt geht es um seine Existenz. Simon arbeitet für einen großen Sozialträger. Er hat beruflich viel mit Jugendlichen und Kindern zu tun. Im Jahr vor der Gerichtsverhandlung hat er große Angst vor einem Eintrag ins polizeiliche Führungszeugnis. Dieses muss er regelmäßig beim Arbeitgeber vorlegen. Und niemand weiß von Simons Vergangenheit. Man kann darüber streiten, ob es gut ist, dass er einen Job hat, bei dem er viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Er redet mit ihnen über das Leben, den Glauben, den Anstand, soll ihnen Orientierung geben. Er ist Ansprechpartner bei Problemen. Auch er selbst hadert mit der Situation. Einmal, während die ZEIT Simon begleitet, bittet ihn eine Mutter um Rat: Ihr Ehemann werde verdächtigt, das gemeinsame Kind zu missbrauchen. Sie fragt, ob Simon ihr helfen könne.

Ich weiß in solchen Situationen nicht weiter. Ich denke bloß: Wenn du wüsstest! Die Situation ist sehr unwirklich. Einmal musste ich vor einer Gruppe einen Vortrag darüber halten, wo die Grenzen zum sexuellen Missbrauch liegen, was man darf und was nicht. Das gehört zu meiner Arbeit. Wohl fühle ich mich dabei nicht, ich sollte über so etwas nicht sprechen. Mittlerweile streue ich hin und wieder das Gerücht, dass ich mir auch vorstellen könnte, etwas anderes zu machen. Irgendwie schaffe ich mir dadurch die Möglichkeit, dass die Kollegen nicht aus allen Wolken fallen, wenn ich kündigen muss. Es ist besser, wenn ein paar Leute jetzt schon wissen, dass ich mich beruflich um orientieren könnte. Ich bereite alles vor, denn mir ist klar, dass ich für das, was ich gemacht habe, geradestehen muss. Ich bin hier der Täter.

Nach einem langen Winter, in dem alle darauf warten zu erfahren, wie es weitergeht, legt das Gericht im Frühjahr 2017 einen Verhandlungstermin fest. Einen Monat vorher fährt Simon nach München, um seinen Anwalt zu treffen. Er ist nervös. Betritt noch kurz eine Kirche, um ein paar ruhige Minuten für sich zu haben.

In seiner Kanzlei mit Blick über die Münchner Innenstadt sitzt Rechtsanwalt Philip Müller, den Laptop vor sich aufgeklappt, und schaut die Akten durch. Simon ist in über 300 Fällen des sexuellen Missbrauchs angeklagt. Natürlich lässt sich nach so vielen Jahren nicht mehr sagen, wie häufig Simon seine Schwester wirklich missbraucht hat. Deshalb geht man von einem wöchentlichen Durchschnitt aus und rechnet diesen auf vier Jahre hoch.

Müller schnauft ein bisschen und hebt den Kopf vom Bildschirm. Über seine Brille hinweg blickt er auf Simon. Für den Rechtsanwalt ist die Sache relativ klar: "Sie wissen, wenn es hier eine Jugendstrafe gibt, sind Sie beruflich ruiniert." Weil Simon während der Hälfte der Tatzeit noch nicht volljährig war, wird auch nach so vielen Jahren nach dem Jugendstrafrecht verhandelt. Simon nickt und fragt, was er machen soll. Eventuell sei es sinnvoll, sich schon jetzt mit einem Arbeitsrechtler zu beraten, sagt Müller und liest weiter. Simon hat guten Willen bekundet, indem er die Schwester künftig unterstützen will. Nach Absprache zwischen ihren Anwälten hat er der Schwester 2.000 Euro überwiesen. Nicht viel, aber ein Anfang.

Müller steckt das Ziel fest: Sollte es in der Verhandlung zur Einigung kommen, dann nur, wenn die Strafe so mild ist, dass Simon seinen Job behalten kann. Andernfalls wird er die Beweisaufnahme erzwingen, Zeugen hören, der Prozess könnte Jahre dauern. Simon will das eigentlich nicht, er möchte auf die Schwester zugehen. Der Schatten seiner Taten liegt nun schon so lange über der Familie. In den nächsten vier Wochen wird sich für ihn alles nur um den Prozess drehen und darum, wie er ausgehen wird. Nach so vielen Jahren steht eine Entscheidung bevor. Die Tage vor der Verhandlung sind für alle in der Familie nervenaufreibend.

Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder den Kontakt zu meiner Schwester aufbauen kann, dass wir alles hinter uns lassen können. Vielleicht sprechen wir ja irgendwann wieder miteinander und müssen nicht zu unterschiedlichen Zeiten zu Familienfesten kommen. Vielleicht kann mir meine Schwester irgendwann wieder in die Augen sehen. Auch meine Frau hat sich unser Leben anders vorgestellt. Sie will eine normale Familie. Das möchte ich auch. Die Schuld wird mein Leben lang auf mir lasten. Und natürlich habe ich Strafe verdient. Ich hoffe, dass das Urteil uns dabei hilft, in gewisser Weise abzuschließen. So, dass alle damit leben können.

Im Mai 2017 das Ende: Schuldig in 232 Fällen des sexuellen Missbrauchs. So steht es im schriftlichen Urteil. Schlussendlich legte man zur Berechnung fest, dass im Durchschnitt ein Missbrauch pro Woche stattgefunden hat und alle drei Wochen ein schwerer Missbrauch. Das Urteil: Verwarnung und 8.000 Euro Geldstrafe, zahlbar an seine Schwester. Die Justiz nennt das: Zuchtmittel.

Simon weiß, dass er großes Glück hatte und andere für dasselbe Verbrechen viele Jahre ins Gefängnis gehen. Doch Simon hat sich nie wieder etwas zuschulden kommen lassen. Er steht im Leben, hat eine Familie. Wem hülfe es, wenn er nun ins Gefängnis müsste? Das war die Frage, die während des Prozesses gestellt wurde. Das Gericht war überzeugt, ein Urteil, das zum Eintrag ins Führungszeugnis führt, würde Simon nicht nur die Zukunft verbauen, sondern auch die Chance, seine Schwester finanziell zu unterstützen.

Sie sah ganz anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Ihre Haare waren nun gelockt, das war neu. Sie sagte, es gehe ihr gut. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass wir uns gesehen haben. Ich habe mir im vergangenen Jahr immer wieder eingeredet, dass sie Rache will. Dass sie nach all dem, was ich ihr damals angetan habe, nun mein Leben zerstören möchte. Das glaube ich nicht mehr. Meine Schwester wollte einfach nur gehört werden. Sie wollte, dass Leute sie ernst nehmen und unterstützen. Ich habe die Chance gehabt, im Gerichtssaal zu ihr zu sprechen, und habe mich entschuldigt. Es war schwierig, die passenden Worte zu finden. Ich weiß, dass ich das alles nie wieder gutmachen kann, aber ich will sie jetzt unterstützen. Als wir den Saal verließen, da ist sie auf mich zugekommen. Zuerst haben wir uns die Hand gegeben, dann habe ich sie gefragt, ob ich sie umarmen dürfe. Ich durfte. Also habe ich es gemacht, und wir haben gemeinsam geweint.