Und dann, plötzlich, von einem Tag auf den anderen, ist der Missbrauch Geschichte. Jedenfalls für Simon. Als er 20 Jahre alt ist, zieht er aus und hat jetzt keinen täglichen Kontakt mehr zu seiner Schwester. Simon beginnt eine Ausbildung und startet ein normales Leben: eine erste eigene Wohnung, neue Freunde in einer neuen Stadt. Seine Schwester bleibt zurück.

Der Polizei beschreibt Anna, wie sich ihre Situation nach Simons Auszug zugespitzt hat. Sie entwickelt Probleme, Bindungen zu Männern aufzubauen und muss ihre Berufsausbildung abbrechen, Klinikaufenthalte und verschiedene Psychotherapien folgen. Sie habe sich nicht mehr selbst versorgen können, gibt sie zu Protokoll. Immer wieder musste sie zu Hause aufgenommen, dort gepflegt werden. Anna beginnt, sich selbst zu verletzen, hegt Suizidgedanken.

Als ich noch Jugendlicher war, hatte ich viel mit der Kirche zu tun. Ich war Messdiener, später auch leitender Messdiener. Ich habe mich gut mit dem Pfarrer in unserer Gemeinde verstanden. Irgendwie muss das wohl den Ausschlag gegeben haben, dass ich mich in diese Richtung auch beruflich orientiert habe. Zu der Zeit habe ich auch meine Frau kennengelernt. Es lief gut für mich. Zwar habe ich mich beruflich noch umorientiert, aber ich kam voran. Einmal reiste ich ins Ausland und las gemeinsam mit meiner Reisegruppe die Bibel. Jeden Abend schrieb ich Tagebuch, ich beschäftigte mich viel mit mir, dachte über alles nach.

Manchmal holt Simon seine schwarze Kladde mit den roten Ecken wieder heraus und blättert darin. Auf einer vollgeschriebenen Seite seines Tagebuchs steht ganz unten: "Ich muss die Sache mit Anna klären." Nur ein Satz, aber ein bedeutender. Ein Schritt auf seine Schwester zu hätte vielleicht die Chance eröffnet, den Missbrauch aufzuarbeiten, Anna zu helfen und für das geradezustehen, was er ihr angetan hat. Doch sein Vorhaben nimmt Simon nie in Angriff.

Die Jahre vergehen, und während er ein gutes Leben führt, geht es Anna immer schlechter. Sie sucht nach Orientierung, die sie nicht findet. Depressionen, abgebrochene Ausbildungen und schließlich: ein missglückter Selbstmordversuch. Simon sagt heute, dass er sich nie verantwortlich fühlte für die psychischen Probleme seiner Schwester. Anna kommt in dieser Zeit häufig zum Bruder, wenn sie Hilfe braucht. Er ist einer ihrer ersten Ansprechpartner. In gewisser Weise ist ihre Abhängigkeit von ihm immer noch da, bloß das entscheidende Thema kommt nie zur Sprache. Zehn Jahre lang lüften weder sie noch Simon das gemeinsame Geheimnis.

Im Herbst 2016 begleitet die ZEIT Simon bei einem Besuch in seiner Heimat. Es ist einer der letzten sonnigen Tage, bevor die Natur sich auf den Winter vorbereitet. Simon steigt den Berg hinauf, den er oft gemeinsam mit seiner Schwester erklommen hat. Wenn es um den Missbrauch geht, ist es schwierig für ihn, zu sprechen. Er meidet das Wort, spricht von "der Sache" oder "dem, was damals passiert ist". Manchmal bittet er um eine Pause, dann steigt ihm das Blut in den Kopf, er sucht die passenden Worte. Im nächsten Augenblick spricht er ganz abgeklärt weiter. Am Gipfelkreuz angekommen, blickt Simon sich um, atmet durch.

Wenn meine Schwester reden wollte, dann kam sie zu mir. Komisch, oder? Ich meine, ich habe ihr so viel angetan, und trotzdem hat sie mich um Hilfe gebeten. Wir sind dann eine Runde spazieren gegangen. Entweder hier herauf oder um den See da unten. Wir haben lange gesprochen, ich wollte ihr helfen. Ich wünsche mir manchmal, sie würde sich wieder bei mir melden, dass ich wieder ihr Ansprechpartner bin, dass ich ihr helfen kann. Aber das ist natürlich Blödsinn, nach allem, was war.

Simon steigt hinab, setzt sich ins Auto, fährt ins Tal. Nur wenige Kilometer sind es von hier bis zum alten Zuhause. In seinem Kinderzimmer erinnert nicht mehr viel an früher. Nur der Kleiderschrank und eine Lampe. Simon fährt zum Friedhof und geht die schmalen Wege bis zum Grab seiner Mutter. Der Grabstein ist schlicht, bis auf ein kleines Foto im Gestein. Simon wird still. Seine Schwester wohnt immer noch in der Gegend, bringt manchmal Blumen ans Grab. Er hat Sorge, er könne ihr begegnen.

Meine Mutter hatte einen Hirntumor. Nach ihrem Tod ging meine Schwester in eine Therapie, und ich war ab diesem Augenblick nicht mehr ihr Ansprechpartner. Irgendwann bat sie meinen Vater zum Gespräch. Da hat sie es ihm wohl gesagt. Ich hab immer gedacht: Hoffentlich ist es etwas anderes – aber im Grunde wusste ich, dass die Sache jetzt herauskommt. Einige Wochen später kam der Brief. Es war Sommer. Jeder in der Familie hat so einen Brief bekommen. Meine Schwester schrieb, dass einiges passiert sei und sie ein Gespräch möchte. Ich habe jeden Tag gehofft, dass es nicht um den Missbrauch geht. Ich veränderte mich, zog mich zurück, wusste nicht, was ich machen sollte. Meine Frau fragte mich, was los sei. Bis heute ist mir nicht klar, ob meine Mutter wusste, was in unserer Familie vor sich ging, oder ob sie ahnungslos gestorben ist. Vielleicht war ihr Tod der Ausgangspunkt für meine Schwester, jetzt reinen Tisch zu machen.

Die Mutter – einer der ganz wenigen Punkte, an denen die Erinnerungen von Simon und Anna auseinandergehen. Simon sagt, er bezweifle, dass seine Mutter vom Missbrauch wusste; seine Schwester ist sich sicher, sie wusste es. Einmal, als die beiden gemeinsam im Bett lagen, erinnert sie sich, sei abends die Zimmertür aufgegangen, und die Mutter habe im Raum gestanden. Sie habe ihre Kinder angesehen und sei mit den Worten "alles in Ordnung" wieder hinausgegangen. Ein anderes Mal habe die Mutter zu Anna gesagt, sie solle froh sein über die Liebe ihres Bruders. Aber: Ist das ein Beweis? Auf dem Sterbebett – so berichtet es Anna – soll die Mutter dem Vater gesagt haben, etwas in der Familie stimme nicht, der Simon habe die Anna damals missbraucht. Simon weiß nichts davon.