Im September war es dann so weit. Kurz vor dem Gespräch waren wir noch essen. Mein Vater, meine Brüder und ich. Als mein Vater und ich kurz allein waren, sagte er zu mir: "Es geht heute um dich, Simon." Da wusste ich, dass es nun rauskommen würde. Wir kamen in einen Raum. Zwei Therapeuten haben zusammen mit meiner Schwester und meiner Tante dort gewartet. Die Tante war zur Unterstützung meiner Schwester dabei. Jeder von uns wurde gefragt, warum wir denken, dass wir hier seien. Da habe ich zu meiner Schwester gesagt: "Ich glaube, dass ich Fehler gemacht habe, die schon eine Weile zurückliegen, und ich wusste, dass der Tag kommen würde, an dem das Thema auf den Tisch kommt." Nach dem Gespräch war ich irgendwie erleichtert. Wir beide haben die Last immer mit uns herumgeschleppt, dieses Geheimnis. Und nun wurde es ausgesprochen. Vielleicht hätte ich irgendwann selbst reinen Tisch gemacht. Vielleicht am Ende meines Lebens. Aber das kann ich jetzt natürlich leicht sagen. Meine Schwester hat viel geweint. Wirklich persönlich miteinander gesprochen haben wir nicht. Vielleicht haben wir uns am Ende "Tschüs" gesagt, ich weiß es nicht mehr. Klar war nur, dass da noch mehr kommen würde. Sie hatte so traurige Augen. Danach habe ich meine Schwester nicht mehr gesehen. Die Therapeuten haben mir Kontaktdaten von einem Netzwerk gegeben, das Pädophilen helfen soll.

Anna macht während des Gesprächs deutlich, dass Simon Schuld an ihrer Situation habe. Niemand sonst. Mit dem Tod der Mutter begann ihre Aufarbeitung, mehr als zehn Jahre nach dem letzten Missbrauch. Und plötzlich erfuhren es alle: Vater, Brüder, Tanten, Großeltern. Der Polizei erzählt Anna, sie habe sich bei dem Familientribunal unverstanden gefühlt. Vor allem ihre anderen Brüder hätten das Ganze abgetan, als nicht so schlimm empfunden. Der Vater habe ihr Vorwürfe gemacht, sie hätte sich früher an ihn wenden sollen, deshalb treffe sie genauso Schuld an der Sache wie Simon. Die Geschwister erinnern sich beide daran, dass ihr Vater etwas sagte wie: "Wenn du zu mir gekommen wärest, dann hätte ich was unternommen."

Anna fühlt sich davon getroffen. Sie sagt: "Ich bin so, wie ich bin, weil Simon mich missbraucht hat." Sie macht klar, dass sie an Familienfesten nicht mehr teilnehmen werde und keinen Kontakt mehr zu Simon haben will.

Simon trifft die Aufarbeitungsanstrengung seiner Schwester in einer sensiblen Phase: Seine Frau erwartet in wenigen Wochen ihr erstes Kind. Er hat ihr nie von seiner Vergangenheit erzählt, es nicht einmal in Betracht gezogen. Nun muss er handeln.

Wenn Nicole, seine Frau, an jenen Tag im Jahr 2014 zurückdenkt, an dem sie alles erfuhr, kann sie es immer noch nicht fassen. Sie sitzt im Wohnzimmer und blickt hinaus auf den Balkon, wo das leere Planschbecken vom Sommer noch aufgebaut steht. "Dort haben wir gesessen", sagt sie ruhig und fast etwas abwesend. Sie habe keine Ahnung gehabt, worum es geht. Sie dachte, Simons Schwester bäte ihre Angehörigen um mehr Unterstützung in ihrer schwierigen psychischen Situation. "Ich habe noch zu Simon gesagt, er solle sich nicht um den Finger wickeln und sich nicht einreden lassen, dass er an irgendwas Schuld trage", sagt sie und schüttelt den Kopf.

Als Simon an diesem Tag heimkommt, ist er nicht allein. Sein Vater und dessen Freundin begleiten ihn. Simon hat Angst vor dem Gespräch mit der hochschwangeren Nicole. Gemeinsam gehen sie essen, trinken Kaffee. Nicole fragt nicht, was es zu besprechen gibt. Für sie sind es Stunden voller Ungewissheit. Am Nachmittag setzen sich alle auf den Balkon. Simon schaut Nicole ernst an und beginnt zu erzählen.

"Zuerst habe ich ihn gefragt, ob das, wovon er hier spricht, sexueller Missbrauch sei", erzählt Simons Frau und schluckt kräftig. "Er hat gesagt: in gewisser Weise schon." Hin und wieder, wenn Simon etwas nicht erwähnt, springt sein Vater ein und ergänzt es. An diesem Nachmittag gerät Nicoles Leben ins Wanken. Kurz vor der Geburt bricht ihre Hoffnung auf ein normales Leben zusammen. Kann sie sich darauf verlassen, dass ihr Mann sich nicht auch am gemeinsamen Kind vergreift? Ist er pädophil? Wie konnte sie sich so täuschen in dem Mann, mit dem sie eine Familie gründen will? "Man könnte sagen, ich sei naiv, aber ich glaube nicht, dass er seine Schwester missbraucht hat, weil sie ein Kind war", sagt sie heute. "Ich glaube das einfach nicht." Nicole glaubt, dass es in Simons Familie an Nähe fehlte, die sich die Geschwister dann voneinander holten – und dass Simon hierbei schreckliche Fehler gemacht hat.

An diesem Abend saßen wir noch lange auf dem Sofa. Mein Vater und seine Partnerin sind gefahren. Nicole hat viel geweint. Aber sie hat auch Nähe zugelassen. Ich habe sie umarmt. Es war so, als sei etwas geplatzt. Die Schwangerschaft hat die Situation natürlich nicht einfacher gemacht. Sie hat immer gesagt: Falls sie irgendwann mitbekommt, dass ich etwas mit unserem Kind mache, dann ist sie weg. Und ich musste ihr versprechen, dass ich es ihr sage, wenn ich irgendeine Art von Zuneigung empfinde, die nicht da sein sollte. Heute weiß ich, dass ich nicht pädophil bin. Für meine Frau war das sehr belastend. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass sie darüber nachdenkt, mich zu verlassen.

Nach der Beichte kehrt erst einmal so etwas wie Ruhe ein. Simon hört nichts mehr von der Schwester. Er denkt darüber nach, Kontakt zu ihr aufzunehmen, doch er entscheidet sich dagegen, er möchte die Emotionen nicht weiter anfeuern. Heute hält er das für einen Fehler. Monate vergehen, in denen nichts geschieht.

Anna ist mittlerweile Mitte zwanzig. Sie möchte dem Ganzen ein Ende setzen und mit sich selbst Frieden schließen. Sie habe sehr gelitten und möchte nicht mehr schweigen, sagt sie der Polizei. An einem Dienstag, ein halbes Jahr nach dem Treffen, findet Simon im Briefkasten ein Schreiben: Seine Schwester hat ihn wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Es wird gegen ihn ermittelt.