Simon nimmt sich einen Verteidiger. Jetzt geht es um seine Existenz. Simon arbeitet für einen großen Sozialträger. Er hat beruflich viel mit Jugendlichen und Kindern zu tun. Im Jahr vor der Gerichtsverhandlung hat er große Angst vor einem Eintrag ins polizeiliche Führungszeugnis. Dieses muss er regelmäßig beim Arbeitgeber vorlegen. Und niemand weiß von Simons Vergangenheit. Man kann darüber streiten, ob es gut ist, dass er einen Job hat, bei dem er viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Er redet mit ihnen über das Leben, den Glauben, den Anstand, soll ihnen Orientierung geben. Er ist Ansprechpartner bei Problemen. Auch er selbst hadert mit der Situation. Einmal, während die ZEIT Simon begleitet, bittet ihn eine Mutter um Rat: Ihr Ehemann werde verdächtigt, das gemeinsame Kind zu missbrauchen. Sie fragt, ob Simon ihr helfen könne.

Ich weiß in solchen Situationen nicht weiter. Ich denke bloß: Wenn du wüsstest! Die Situation ist sehr unwirklich. Einmal musste ich vor einer Gruppe einen Vortrag darüber halten, wo die Grenzen zum sexuellen Missbrauch liegen, was man darf und was nicht. Das gehört zu meiner Arbeit. Wohl fühle ich mich dabei nicht, ich sollte über so etwas nicht sprechen. Mittlerweile streue ich hin und wieder das Gerücht, dass ich mir auch vorstellen könnte, etwas anderes zu machen. Irgendwie schaffe ich mir dadurch die Möglichkeit, dass die Kollegen nicht aus allen Wolken fallen, wenn ich kündigen muss. Es ist besser, wenn ein paar Leute jetzt schon wissen, dass ich mich beruflich um orientieren könnte. Ich bereite alles vor, denn mir ist klar, dass ich für das, was ich gemacht habe, geradestehen muss. Ich bin hier der Täter.

Nach einem langen Winter, in dem alle darauf warten zu erfahren, wie es weitergeht, legt das Gericht im Frühjahr 2017 einen Verhandlungstermin fest. Einen Monat vorher fährt Simon nach München, um seinen Anwalt zu treffen. Er ist nervös. Betritt noch kurz eine Kirche, um ein paar ruhige Minuten für sich zu haben.

In seiner Kanzlei mit Blick über die Münchner Innenstadt sitzt Rechtsanwalt Philip Müller, den Laptop vor sich aufgeklappt, und schaut die Akten durch. Simon ist in über 300 Fällen des sexuellen Missbrauchs angeklagt. Natürlich lässt sich nach so vielen Jahren nicht mehr sagen, wie häufig Simon seine Schwester wirklich missbraucht hat. Deshalb geht man von einem wöchentlichen Durchschnitt aus und rechnet diesen auf vier Jahre hoch.

Müller schnauft ein bisschen und hebt den Kopf vom Bildschirm. Über seine Brille hinweg blickt er auf Simon. Für den Rechtsanwalt ist die Sache relativ klar: "Sie wissen, wenn es hier eine Jugendstrafe gibt, sind Sie beruflich ruiniert." Weil Simon während der Hälfte der Tatzeit noch nicht volljährig war, wird auch nach so vielen Jahren nach dem Jugendstrafrecht verhandelt. Simon nickt und fragt, was er machen soll. Eventuell sei es sinnvoll, sich schon jetzt mit einem Arbeitsrechtler zu beraten, sagt Müller und liest weiter. Simon hat guten Willen bekundet, indem er die Schwester künftig unterstützen will. Nach Absprache zwischen ihren Anwälten hat er der Schwester 2.000 Euro überwiesen. Nicht viel, aber ein Anfang.

Müller steckt das Ziel fest: Sollte es in der Verhandlung zur Einigung kommen, dann nur, wenn die Strafe so mild ist, dass Simon seinen Job behalten kann. Andernfalls wird er die Beweisaufnahme erzwingen, Zeugen hören, der Prozess könnte Jahre dauern. Simon will das eigentlich nicht, er möchte auf die Schwester zugehen. Der Schatten seiner Taten liegt nun schon so lange über der Familie. In den nächsten vier Wochen wird sich für ihn alles nur um den Prozess drehen und darum, wie er ausgehen wird. Nach so vielen Jahren steht eine Entscheidung bevor. Die Tage vor der Verhandlung sind für alle in der Familie nervenaufreibend.

Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder den Kontakt zu meiner Schwester aufbauen kann, dass wir alles hinter uns lassen können. Vielleicht sprechen wir ja irgendwann wieder miteinander und müssen nicht zu unterschiedlichen Zeiten zu Familienfesten kommen. Vielleicht kann mir meine Schwester irgendwann wieder in die Augen sehen. Auch meine Frau hat sich unser Leben anders vorgestellt. Sie will eine normale Familie. Das möchte ich auch. Die Schuld wird mein Leben lang auf mir lasten. Und natürlich habe ich Strafe verdient. Ich hoffe, dass das Urteil uns dabei hilft, in gewisser Weise abzuschließen. So, dass alle damit leben können.

Im Mai 2017 das Ende: Schuldig in 232 Fällen des sexuellen Missbrauchs. So steht es im schriftlichen Urteil. Schlussendlich legte man zur Berechnung fest, dass im Durchschnitt ein Missbrauch pro Woche stattgefunden hat und alle drei Wochen ein schwerer Missbrauch. Das Urteil: Verwarnung und 8.000 Euro Geldstrafe, zahlbar an seine Schwester. Die Justiz nennt das: Zuchtmittel.

Simon weiß, dass er großes Glück hatte und andere für dasselbe Verbrechen viele Jahre ins Gefängnis gehen. Doch Simon hat sich nie wieder etwas zuschulden kommen lassen. Er steht im Leben, hat eine Familie. Wem hülfe es, wenn er nun ins Gefängnis müsste? Das war die Frage, die während des Prozesses gestellt wurde. Das Gericht war überzeugt, ein Urteil, das zum Eintrag ins Führungszeugnis führt, würde Simon nicht nur die Zukunft verbauen, sondern auch die Chance, seine Schwester finanziell zu unterstützen.

Sie sah ganz anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Ihre Haare waren nun gelockt, das war neu. Sie sagte, es gehe ihr gut. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass wir uns gesehen haben. Ich habe mir im vergangenen Jahr immer wieder eingeredet, dass sie Rache will. Dass sie nach all dem, was ich ihr damals angetan habe, nun mein Leben zerstören möchte. Das glaube ich nicht mehr. Meine Schwester wollte einfach nur gehört werden. Sie wollte, dass Leute sie ernst nehmen und unterstützen. Ich habe die Chance gehabt, im Gerichtssaal zu ihr zu sprechen, und habe mich entschuldigt. Es war schwierig, die passenden Worte zu finden. Ich weiß, dass ich das alles nie wieder gutmachen kann, aber ich will sie jetzt unterstützen. Als wir den Saal verließen, da ist sie auf mich zugekommen. Zuerst haben wir uns die Hand gegeben, dann habe ich sie gefragt, ob ich sie umarmen dürfe. Ich durfte. Also habe ich es gemacht, und wir haben gemeinsam geweint.