Ein Interview mit der Kelly Family ist kein Interview, es ist eine unfreiwillige Verwicklung in ein Familientreffen. Wer von den Mitgliedern der Band etwas über ihren Welterfolg in den neunziger Jahren, ihre Kindheit als Straßenmusiker oder ihr großes Comeback 2017 erfahren will, wer wissen möchte, wie es war, mit sieben Geschwistern und vier Halbgeschwistern in Bussen, Wohnwagen, Hausbooten, stillgelegten Fabriken und einem Schloss aufzuwachsen, ohne je eine Schule zu besuchen, der muss Geduld haben.

Als wären Angelo, Kathy, Jimmy, Patricia und John im Wintergarten des Leipziger Hotels Fürstenhof nicht zu einem offiziellen Gesprächstermin, sondern zu einem Kaffeeklatsch zusammengekommen, streiten sich die Geschwister zunächst darüber, wer wen zuerst mit der hartnäckigen Erkältung angesteckt hat, die sie mit sich herumschleppen. Ingwertees mit Honig kommen zahlreich wie die Themen, die sie an diesem Nachmittag in einer Mischung aus Englisch und grammatikalisch verworrenem Deutsch miteinander besprechen: die Folgen der Globalisierung, das Kindergeld in Deutschland, der Glaube an Gott, die aktuelle Popmusik, ihre irisch-amerikanischen Vorfahren, Zukunftspläne. Ihre Meinungen grenzen die Geschwister dabei stets scharf voneinander ab, zwei der Brüder unterbrechen die mittlere Schwester mehrmals mit albernen Zwischenrufen, ironisch zwinkert die Älteste, sobald der Jüngste zu sprechen beginnt, zwei gehen, drei kommen, einer springt auf und läuft auf sein Zimmer, um seine Bibel zu holen und ein wichtiges Zitat von Jesus zu suchen. Kurze Gesprächspausen nutzt der Stillste von ihnen, ein filigraner Mann mit Rollkragenpullover, um eindringlich, wie zur eigenen Erinnerung, zu wiederholen, dass es in seiner Familie, beim Musikmachen und überhaupt im Leben doch immer nur darauf ankomme, die richtige "Schwingung" miteinander zu finden. Solange das klappe, sei alles "bombe".

Dies hat sich bei der Kelly Family offensichtlich nie verändert: dass sie, wo immer und in welcher Zusammensetzung sie auftauchen, einen wuseligen, für Außenstehende schwer zu überblickenden Menschenhaufen bilden. Eine Einheit, die einerseits komplett auf sich bezogen ist und andererseits eine Offenheit ausstrahlt, als dürfte jeder, der Lust hat mitzumachen, sich ihrer Karawane auf unbestimmte Zeit anschließen. "Ich fühle mich wie ein Teil der Familie", sagte vor einigen Wochen eine Frau im Fernsehen, die seit 30 Jahren Fan der Band ist und ihre Idole endlich treffen durfte. Gerührt umarmten die Geschwister sie, als wäre sie genau das: ein Teil von ihnen.

Tatsächlich war es schon immer etwas Besonderes, ein Anhänger der Kelly Family zu sein. In den hedonistischen neunziger Jahren, als Boybands den Mainstream begeisterten und Liebe nicht mehr von Hippies am Lagerfeuer, sondern von Menschen, die zu Technobeats zuckten, gefeiert wurde, galten die Kellys, in wallenden Kleidern hinter altmodischen Instrumenten schunkelnd oder wilde Tänze aufführend, als peinlich. Wer sie nicht liebte, sprach abfällig über die neun Geschwister, die bis Anfang der 2000er Jahre den Kern der Band ausmachten. Ihr hüftlanges Haar, die volkstümlichen Songs, die nicht von Herzschmerz, Sex oder Erfolg handelten, sondern von Bauern auf dem Feld, Babys, die ihre Mama und ihren Papa brauchen, oder der Vorstellung, ein Vogel zu sein – solch unerotische Geborgenheitsfantasien wirkten schon damals anachronistisch.

"Anderssein, Zusammenhalt, Hoffnung, Kampfgeist", dafür stünden sie auch heute noch, sagt Angelo, einer der Mädchenschwärme von früher, das jüngste der Geschwister. Der 35-jährige, füllig gewordene Sänger, der mittlerweile eine Brille trägt und seine langen dunkelblonden Haare nach hinten gelt, macht seit einiger Zeit in Irland mit seinen eigenen fünf Kindern Musik. Drei Jahre lang fuhr die Familie musizierend in einem Bus umher, wie einst Angelo selbst als kleiner Junge mit seinen Geschwistern und den Eltern. Von 1974 an waren Vater Dan und Mutter Barbara-Ann Kelly mit ihrer stetig wachsenden Kinderzahl zuerst als The Kelly Kids, später als The Kelly Family auf Amerikas und Europas Plätzen, in U-Bahnen und Fußgängerzonen unterwegs, bis sich in den Achtzigern und Neunzigern ihre bahnbrechenden Erfolge in Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, in China und Brasilien einstellten. Insgesamt 20 Millionen Tonträger verkauften die Kellys während dieser Zeit. Das Hausboot in Köln, auf dem die Familie zeitweise wohnte, musste durch eine Mauer vor hysterischen Fans geschützt werden. Nun traten sie nicht mehr auf der Straße auf, sondern im Fernsehen bei Wetten, dass..?, und füllten auf Tourneen ganze Stadien.

Heute tun sie es wieder. Ihr Comeback wirkt wie ein Flashback. Genau wie früher stehen sie mit ihren Instrumenten auf der Bühne, wie damals wiegen sich Tausende Fans mit Feuerzeugen zu ihrer Musik, entrückt singt das Publikum Zeile für Zeile die größte aller Kelly-Hymnen mit: "So-o-metimes, I wish I were an a-a-ange-el, sometimes, I wish I were youuuuu".

An Angel, Fell in Love with an Alien, Nanana – auf dem neuen Album We Got Love sind fast ausschließlich ihre alten Hits zu hören. Die Stimmen derer, die nach langem Hin und Her doch nicht mehr bei der Reunion dabei sein konnten – Paddy und Maite, die ihre eigene Karriere als Musiker nicht unterbrechen mochten, und Barby, die sich ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat –, singen heute die anderen. So klingt es auch musikalisch fast so, als hätte die Band sich nie aufgelöst, so, als hätten die Geschwister nie getrennt voneinander, teils zerstritten, in ganz Europa verteilt gelebt, eigene Familien gegründet und Soloprojekte verfolgt. Von null direkt auf Platz eins stieg ihr Album im Mai in die deutschen Charts ein, das erste Konzert war nach 18 Minuten ausverkauft, innerhalb von drei Tagen sahen 35.000 Fans aus ganz Europa in der Dortmunder Westfalenhalle der Wiederkehr der neuen alten Kellys zu.

Was ist es, das so viele Menschen zu ihnen zieht? Jimmy, der Mann mit der Bibel, der Einzige, der seine Haare mittlerweile kurz trägt, fasst es mit einem Wort zusammen: "Familie." Und Patricia, die Schwester, die er so gerne unterbricht, eine hübsche blonde Frau, die nur noch auf der Bühne Kleider mit Schottenmuster trägt, die beim Sprechen besonnener und intellektueller wirkt, ergänzt: "Aber Jimmy, die Leute füllen keine Arenen, um einfach eine Gruppe von Geschwistern zu sehen. Sie erwarten etwas Besonderes von uns, was sie bewegt."