Erst die sanften Klänge des Xylofons, dann setzt die kindlich-zarte, fast brüchige Stimme der 29-jährigen Sängerin Dillon ein: "I am a lullaby", singt die gebürtige Brasilianerin auf ihrem neuen Album Kind – und ja, ein lullaby, das bist du wirklich, denkt man träumend und schmachtend. Über einer elektronischen Wiege-Melodie erzählt uns Dominique Dillon de Byington alias Dillon, was sie in Gestalt eines Schlafliedes so alles mit uns anstellen möchte: Bis sie unsere Lebensader erreicht, will sie sich durch unseren Bauchnabel schlängeln und unsere Wirbelsäule hochklettern, um es sich anschließend – sanft wie ein Schatten – in unserer Brust bequem zu machen. Unsere Lider werden bereits schwer, unsere Gedanken langsam, da haucht sie schließlich, auf Deutsch: "Schlaf ein / Schlaf ein."

Mit Mehrsprachigkeit spielte Dillon bereits auf ihrem Debütalbum The Silence Kills. In You are My Winter, einem Lied über ihre Wahlheimat Berlin, sang sie damals wehmütig: "Architecture, hauptbahnhof, the balconies / the winters, with me / alexander, you are my winter." Dass Dillon sich weiterentwickelt hat seitdem, man merkt es auch ganz exemplarisch am babylonischen Sprachgewirr, das sie jetzt noch gewandter als Stilmittel einzusetzen weiß. Offensiver (zum ersten Mal singt Dillon sogar auf Portugiesisch) und gleichzeitig so passgenau, dass ein fremdsprachiges Wort, ein Wechsel der Sprache innerhalb desselben Stückes einen nie befremdet zurücklässt. Die Zeilen "Schlaf ein / Schlaf ein" fügen sich so harmonisch ein in Dillons Lullaby, dass einem der Wechsel ins Deutsche fast nicht auffällt.

Bei der Arbeit an ihrem letzten Album The Unknown litt Dillon unter einer Schreibkrise: In ihrer minimalistischen Monotonie wirkten die Songs damals mehr wie lieblose Skizzen. Auf Kind ist von dieser uninspirierten Eintönigkeit nichts mehr zu hören. Die Single Shades Fade beispielsweise lässt einen leisen Instrumentalteil aufgehen im voluminösen, von rhythmischen Electrobeats getragenen Refrain. Im Outro haucht Dillon dann: "The joyful glory of a love story still resonates / After shades fade, fade, fade", während die Synthesizerklänge allmählich verblassen wie die Farbtöne, von denen sie uns erzählt. Aber trotz aller neuen Souveränität: Dillon hat nichts von ihrem ursprünglichen, verletzlichen Charme verloren. Noch immer wirken ihre Songs so intim wie der Moment, in dem eine Mutter ihr Kind in den Schlaf wiegt.

Dillon: Kind (Pias)