Sie hätten die Leinwand gar nicht aufbauen müssen. Die Leinwand, auf die ein Bild des Hamburger Hafens projiziert war: mit Elbphilharmonie, Schiffen, Kränen, alles in schönstem Photoshop-Glanz. Denn dahinter, hinter den Fenstern in der Kuppel des Hafen-Klubs, hat sich an diesem Vormittag längst echte Poesie ausgebreitet. Die Sonne wärmte die leeren Landungsbrücken, die Kapitäne gingen langsam an Bord, blau leuchtete der Horizont.

Es war der perfekte Tag, an dem die Cruise Gate Hamburg (CGH), eine Tochterfirma der städtischen Hafenverwaltung, zum Pressegespräch über die Kreuzfahrt in Hamburg geladen hatte. Niemand musste an diesem Freitag im November erklären, warum es einfach ist, Millionen Touristen hierher zu locken. Immer mehr von ihnen kommen auf Kreuzfahrtschiffen mit Namen wie Aidaperla, MSC Meraviglia oder Viking Sun: 810.000 waren es in diesem Jahr. 880.000 werden es voraussichtlich im kommenden Jahr sein. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl verdoppelt.

Sacha Rougier, Managing Director der CGH, sprach von einer "Schaubühne für Schiffe", von einer "Symbiose", von einem neuen "Superrekord". Nur einmal geriet die Cruise-Gate-Chefin ins Stocken. "Wir streben natürlich ein nachhaltiges Wachstum an. Habe ich das jetzt richtig gesagt?", fragte sie und drehte sich zu ihren Kollegen um.

Nachhaltiges Wachstum: Jens Meier, Chef der Hafenverwaltung, erklärte, dass die Kreuzfahrtschiffe in Zukunft die Umwelt weniger verschmutzen sollen, dank neuer Techniken wie der Landstromanlage, die den Betrieb der schmutzigen Dieselmotoren zur Stromversorgung des Schiffs im Hafen ersetzen soll. Bislang allerdings wird sie kaum genutzt. Meier sagte auch, es brauche ein gutes Zusammenleben von Hafen und Stadt. Und er betonte, dass die Situation in Hamburg anders sei als in Venedig. Die Stadt in Norditalien hat nach einem jahrelangen Streit zwischen Umweltschützern, Anwohnern, Reedern und Behörden nun große Kreuzfahrtschiffe ausgesperrt.

Nicht nur in Venedig protestieren Einheimische gegen den Massentourismus, zu dem auch die Kreuzfahrt gehört. Barcelona kennt diese Protestbewegung, dazu Amsterdam, Berlin, Malta und Mallorca. "Tourist go home!", schreiben dort Einheimische an die Wände ihrer Häuser.

Auch in Hamburg wird nicht nur die Kritik von Umweltverbänden an der Luftverschmutzung durch die Schiffe lauter, auch das schnelle Wachstum der Stadt beschäftigt viele Bürger: Der Platz wird knapper, das Leben teurer, die Mieten steigen. Zu diesem Trend gehören Touristen, die Hamburg mehr und mehr beanspruchen. Sichtbar wurde eine solche Skepsis der Hamburger bereits, als sie mehrheitlich gegen Olympische Spiele stimmten. Und gegen die Pläne für eine Seilbahn über den Hafen.

Natürlich lässt sich die Situation in Venedig nicht direkt mit der in Hamburg vergleichen. Natürlich machen die Kreuzfahrttouristen hier nur einen kleinen Teil der übrigen mittlerweile 13 Millionen Übernachtungen jährlich aus. Und natürlich winken die Hafenverantwortlichen bei der Frage von Journalisten nach einer "Obergrenze für Touristen" ab. Jens Meier sagt, Hamburg sei eine große Stadt. Sacha Rougier sagt, viele der Kreuzfahrttouristen würden auf dem Schiff bleiben, Beschwerden kenne sie keine.

Trotzdem sind die Kreuzfahrttouristen Teil einer Entwicklung, die dazu führen kann, dass sich Einwohner zunehmend verdrängt fühlen, unwohl, zur Kulisse verdammt.

Um eine "harmonische Interaktion zwischen Einwohnern und Gästen" zu wahren, so steht es in einer Jobbeschreibung, will Hamburg Tourismus daher im kommenden Jahr eine neue Abteilung aufbauen. "Destination Management" soll sie heißen. Umfragen hatten ergeben, dass in hafennahen Stadtteilen wie St. Pauli manche Einwohner den Tourismus als störend empfinden. Zwecks "Akzeptanzsicherung", wie Touristiker das nennen, wollen sie Besucher deshalb künftig nach Möglichkeit auf verschiedene Viertel verteilen. Damit sie nicht verschwindet, die echte Poesie.