Nehmen wir einen Augenblick an, Leonardo da Vinci, der größte Maler der Kunstgeschichte, hätte nicht Jesus Christus, den Erlöser der Welt, gemalt, sondern einen Hasen, einen deutschen Riesenrammler, mit Löffeln statt Fingern und einem Kohlkopf anstelle der Glaskugel. Hätte es einen Unterschied gemacht? Wäre die Hasen-Version des Salvator Mundi für weniger als 450 Millionen Dollar über die Auktionshaustheke gegangen?

Wer die Berichterstattung über das teuerste Bild der Welt verfolgt, muss das bezweifeln. Da würde über alles gefachsimpelt, über den beklagenswerten Erhaltungszustand, über die rätselhafte Herkunft, über die zweifelhafte Zuschreibung, über den entfesselten Kunstmarkt, sogar über die Frage, ob ein original Leonardo doppelt so viel wert ist wie ein original Neymar, oder in deutscher Währung: wie ein Dutzend Mats Hummels oder dreimal so viel wie der 1. FC Köln. Das Motiv, Jesus Christus (als Person immerhin nicht unprominent im Abendland), wird in der aktuellen Rezeption vollends überstrahlt vom Genie des Künstlers, von Technikfragen und Marktgesetzen. So als wäre es beliebig, austauschbar. Das ist umso bemerkenswerter, weil religiöse Kunst den Betrachter eigentlich führen soll auf seinem Pfad zu Gott. Doch seitdem sich neben der Leonardo-Verzückung Gottlosigkeit breitmacht im internationalen Kunstbetrieb, scheint alles möglich im Prinzip, selbst ein Leonardo-Rammler für 450 Millionen Dollar. Was ist da nur schiefgelaufen?

Begehen wir nicht den Fehler der Konservativen. Machen wir den Zeitgeist nicht auch noch dafür verantwortlich. Dass früher alles besser und gläubiger war, hat schließlich schon früher nicht gestimmt. Das sah übrigens der Franziskanermönch und Naturphilosoph Roger Bacon auch schon so. Die Kunst, schrieb Bacon im Jahre 1268, hat versagt in Sachen Glaubensvermittlung.

Sattgesehen habe sich die Welt am Alten und Hergebrachten, an den gemalten Heiligen des Mittelalters, ihren falschen Proportionen, den leblosen Gesichtern. "Oh wie unaussprechlich schön würde die göttliche Weisheit leuchten", schreibt Bacon in seinem Opus maius, "und wie unendlich sich der Nutzen vermehren, wenn all die in der Schrift enthaltenen geometrisch fassbaren Dinge körperhaft gestaltet unseren Augen vorgesetzt würden." Roger Bacons Appell, die Kunst dem Leben ähnlich zu machen im Dienste Gottes, prägte nicht nur die Maler der Renaissance, einschließlich Leonardo da Vincis, er führte paradoxerweise auch dazu, dass die lebensnahe künstlerische Gestaltung wichtiger wurde als der Glaubensinhalt und seine theologisch korrekte Vermittlung. Kurz: Statt Gott zu entdecken, entdecken die Maler und der Kunstbetrieb ein anderes unbekanntes Wesen: den Menschen.

"Mit voller Macht" erhebt sich in der Renaissance, wie der Kunsthistoriker Jacob Burckhardt im 19. Jahrhundert schrieb, "das Subjektive". Der Maler tritt heraus aus der Anonymität des Handwerks und malt, was vorher undenkbar war: Porträts ganz normaler Menschen. Ist er gut, wird er zum Künstler, Schöpfer, Genie erklärt, zum Gott bisweilen sogar erkoren. So wie Michelangelo. Den nannte man schon zu Lebzeiten den "Göttlichen", und göttlich wurde er auch bezahlt. Wer dem heutigen Kunstmarkt also sein neurotisches Verhältnis zum Geld und den Starkult vorhält, der sollte daran denken: Früher war nicht alles besser, aber manches genauso verrückt. Da konnte Michelangelo die Sixtinische Kapelle zum FKK-Bereich erklären. Da malte er sie voll mit Nackten, so als wäre beim Jüngsten Gericht textilfrei nun mal Christenpflicht. Hauptsache, die Proportionen stimmen, Hauptsache, die Natur ist nicht nicht technisch sauber wiedergegeben, sondern wirkt beseelt aus sich heraus.

Dabei war Michelangelo sogar gläubig und nahm den religiösen Bildungsauftrag ernst in seiner Kunst – ernster zumindest als Leonardo, der "Gottlose", wie der Historiker Bernd Roeck den Schöpfer des "Salvator Mundi" in seiner jüngst erschienenen Renaissance-Geschichte nennt. "Der Mensch", so Roeck, ist für Leonardo "Mensch durch Denken und Arbeit, im Übrigen aber allein ein Fäkalienproduzent", ein "besonderes Tier", nicht mehr. Geoffenbarte Wahrheiten lehnte Leonardo ab. Das Leben, schreibt er in seinen Notizen, ähnele vielmehr einem Gang durch Höhlen: Wenn alles Nacht ist, wem oder worauf kann man da noch vertrauen? Leonardos Antwort: nicht Gott, sondern Erfahrung, nicht dem Glauben, sondern den Sinnen, nicht der Bibel, sondern der Ratio. Die Verstandesgläubigkeit der Gegenwart wäre ohne Leonardos Unglauben nicht denkbar. Was René Descartes für die Philosophie bedeutet, das ist Leonardo da Vinci für den Bereich zwischen Kunst und Wissenschaft: Jede vermeintliche Wahrheit, lautet beider Credo, kann und darf bezweifelt werden.

Mit Anatomie beschäftigte Leonardo sich genauso wie mit Optik und Hydraulik, mit Aerodynamik und Pneumatik, Geologie, Geometrie und Kartographie. Er revolutionierte die Waffentechnik und hatte auch kein Problem damit, das vorherrschende Bild des Friedensbringers gleich mit hinwegzufegen.

Denn dass vor Leonardo da Vincis Salvator Mundi gänzlich verblasst, was davor und danach als Erlöser mit Kugel Kunstgeschichte schrieb, fiel sogar den Experten auf, die Leonardos Bild für eher mittelprächtig halten, gemessen jedenfalls am Genie-Maßstab. Und doch haben auch sie sich nicht gefragt, warum ausgerechnet ein Gottloser Jesus Christus malt.

Eine Antwort könnte lauten: weil er es konnte. Eine zweite: weil man es von ihm erwartete. Eine dritte, weil ihm das Motiv genauso egal war wie den Kunstexperten heute. Dann jedoch würde tatsächlich nur die Technik zählen, die Detailschärfe, die Perspektive. Dann hätte er auch einen deutschen Rammler malen können, täuschend echt und so natürlich, wie nicht mal Mutter Natur das ohne Weiteres hinbekommt. Schließlich erschuf Leonardo auch die berühmte "Dame mit dem Hermelin". Warum also nicht einen Heiland mit Hasen oder einen Hasen ohne Heiland?

Weil, lautet die Antwort, Perfektion und bloße Natur-Nachahmung Leonardo letztlich doch nicht reichten. Gottlos mag er gewesen sein, aber an die Ewigkeit glaubte er dennoch, an den einen Moment, der bleibt, an die Seele, die eingefroren ist in einem Lächeln, das nur der Mensch und nicht der Rammler hinbekommt. Die Vergänglichkeit fing Leonardo ein in einen Lichtstrahl. Er bricht sich auf dem Gemälde in einer Kugel aus Glas. Warum nur wurde so viel über die 450 Millionen und nicht über die Kugel geschrieben in der Hand des Erlösers? Warum hat man allenfalls noch für das Gesicht Jesu Christi Interesse geheuchelt? Es starrt nur noch. Da lebt und lächelt nichts mehr.

Ob Leonardo seinen Jesus so gewollt hat? Keiner weiß es. Bis zur Unkenntlichkeit wurde herumrestauriert am Erlöser-Gesicht. Jetzt sieht es aus, als wäre pfundweise Margarine draufgespachelt.

Zum Glück gibt es noch die Kugel, das Symbol der Weltherrschaft Gottes, perfektioniert mit den Mitteln der Kunst und durch Leonardos Erfahrung in Optik und Wissenschaft. Unendlich zerbrechlich erscheint sie. So flüchtig wie das Licht in ihr. Wenn es also etwas gibt wie eine Restmetaphysik im Salvator Mundi, eine Hoffnung jenseits der Erfahrung, die einen tröstet in der Dunkelheit, einen Pfad zu Gott, den man selbst als eingefleischter Atheist ein Stück weit mitgehen kann in skeptischen Zeiten, ist sie hier versteckt.

"Schau das Licht an", fordert Leonardo da Vinci den Leser auf in seinen Notizen, "und betrachte seine Schönheit. Schließ die Augen kurz und betrachte es wieder. Was du von ihm siehst, war zuvor nicht, und das, was von ihm war, ist nicht mehr. Wer ist es, der es neu macht, wenn sein Schöpfer fortwährend stirbt?"