Was war zuerst da, die Henne oder das Ei, der Film oder das Buch? Jaja, es gibt keinen Film zu Juli Zehs Leere Herzen, noch nicht, und ja, natürlich ist das Buch vor dem Film da, aber nehmen wir doch mal an: Eine Henne starrt so lange ein Ei an, bis sie beginnt, sich immer eiiger zu verhalten. Sie gackert nicht mehr, sie pickt nicht mehr, sie rollt sich zusammen und ist still und wartet darauf, dass wer sie kocht. Juli Zehs Leere Herzen ist eine Henne, die ein Ei sein will – ein Buch, das eigentlich lieber ein Film wäre.

Das ist insofern super, als es sich schnell und leicht und spannend liest. Das Buch spielt in der nahen Zukunft, im Jahr 2025. Eine rechte Partei namens BBB, Besorgte-Bürger-Bewegung, eine weitergedachte AfD, baut langsam die Demokratie ab, doch den Figuren des Romans sind ihre Waschmaschinen wichtiger als Politik. Sie begegnen den Veränderungen passiv – selbst dort, wo sie sie nicht gutheißen. So betreiben die Hauptfigur Britta und ihr bester Freund Babak eine Firma namens Die Brücke, die Selbstmordattentäter an verschiedene Organisationen vermittelt – ihre Kunden reichen vom "Islamischen Staat" bis zu radikalen Tierschutzgruppen. Sie filtern aus den Datenspuren der Menschen im Internet Selbstmordkandidaten heraus und finden durch ein mehrstufiges Programm heraus, wer wirklich sterben will und wer nicht. 90 Prozent ihrer "Kunden" kehren geheilt in die Gesellschaft zurück, den anderen erfüllen sie effizient ihren Wunsch, für einen höheren Zweck zu sterben.

Der Drehbuchschreiber, der Leere Herzen filmfertig machen wird, dürfte sich vor Glück einpinkeln: Er wird keine Szene herausnehmen oder hinzufügen müssen, er wird nichts offensichtlicher machen müssen, weil schon alles offensichtlich ist, die Castingbeschreibungen kann er aus dem Roman copy-pasten. Brittas Topterroristin Julietta beispielsweise wird hauptsächlich charakterisiert, indem alle paar Seiten stoisch wiederholt wird, dass Julietta die Beste ist. Die Beste, Fähigste, Zornigste, Schönste! Ein hochbegabtes, aber frustriertes Topmodel mit hervorragenden IT-Kenntnissen. Irgendwas müssen wir offenbar bei der Bildungspolitik im Jahr 2017 falsch gemacht haben.

Man stellt sich den Roman zwar sofort als Film vor, paradoxerweise aber erzählt Zeh ihn nicht filmisch. Fast nichts, was sie beschreibt, darf für sich selbst stehen, alles Sinnliche wird ausgedeutet. Wenn Babak auf eine bestimmte Weise im Zimmer steht, kommt als nächster Satz: "Er ist die pure Anklage." Warum fasst Zeh diese Emotion in Worte, anstatt auf die Szene zu vertrauen?

Wenn Leere Herzen ein Film wäre, dann einer, bei dem von einer Erzählerstimme permanent Regieanweisungen reingesprochen werden. Dabei finden sich manchmal durchaus schöne Bilder: ein Großraumwaggon, der sich nach der Fahrkartenkontrolle beruhigt wie ein Gewässer, durch das ein Motorboot gefahren ist. Eine im Park trainierende Yogagruppe, die aussieht, als würde sie Britta anbeten.

Zudem ist Zehs Projektion des Jahres 2025 erstaunlich fantasielos: Rechte, Überwachung und Big Data. Obwohl 2025 ist, reden alle in heutiger Jugendsprache ("Alter" oder "Wallah", arabisch für "Ich schwöre"), es gibt, bis auf die Sache mit dem Terrorservice, keine einzige irgendwie verblüffende Idee. Aber es geht natürlich nicht wirklich um die Zukunft, sondern um unsere heutige Zeit. Es geht sogar so aufdringlich darum, dass man sich beim Lesen zuweilen fragt, ob man eigentlich ein Buch liest oder eine Moralpredigt gehalten bekommt. Dabei kann man durchaus darüber streiten, ob das Pathos des richtigen Bauchgefühls, mit dem dieser Roman sich auf die ganz großen Fragen stürzt, nicht Teil des Problems ist. Welchen Sinn hat mein Leben? Wie kann ich das Richtige tun? Es ist vielleicht schlicht vermessen, zu erwarten, die Antworten auf jede Unzufriedenheit in der Politik zu finden.

Ist die Demokratie überhaupt allein entscheidend für unsere Gesellschaft? Was ist mit Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit, sind die nicht mindestens genauso wichtig? Die Rechtspopulisten reden ja andauernd von Demokratie, wollen Volksentscheide und werfen den Liberalen vor, den Willen des Volkes nicht zu respektieren. Hitler wurde demokratisch gewählt (wenn auch nicht von der Mehrheit der Deutschen). Britta ist ständig übel, und sie hat einen Hygienefimmel. Wir haben es (so schreit uns das Buch förmlich ins Gesicht) selbstverständlich mit dem körperlichen Ausdruck von Brittas moralischer Verkommenheit zu tun. Um die Lethargie wirklich zu überwinden, ist nach der Logik des Romans ein grundlegender Neuanfang nötig, damit die Menschen aufwachen und wieder fühlen lernen. Am Ende von Leere Herzen gibt es ein Aha-Erlebnis. Allerdings steht hinter dem "Aha" eher ein Frage- als ein Ausrufezeichen. Die Moral ist eine Mischung aus einer sentimentalen Bauchgefühlpolitik und einer Prise revolutionärem Zynismus: besser eine "ehrliche" Katastrophe, die die Überlebenden läutert, als Ordnung, basierend auf finsteren Machenschaften.

Vielleicht ist der Versuch, der Gegenwart den Spiegel vorzuhalten, die Schwachstelle von Leere Herzen, weil die besseren Dystopien eben nicht nur spiegeln, sondern verzerren und durch ihre Eigengesetzlichkeit bestechen. Stattdessen bekommt der Leser wieder und wieder unter die Nase gerieben, wie glänzend und aseptisch Brittas Fassade und wie leer – oder vielleicht eher: unaufgeräumt und schmutzig – es dahinter ist. Weil die Trennung von gutem und schlechtem Bewusstsein so monoton eingeprügelt wird, bleibt die Erzählung im Kern statisch, obwohl die Handlung schnell und schnörkellos vorangeht und, noch mal, das Buch unterhaltsam zu lesen ist. Die äußeren Ereignisse verdichten sich zum Thriller, aber moralisch bleibt das Buch erstaunlich unbewegt. Dieser Widerspruch lässt vermuten, dass der Roman selbst ein leeres Herz hat.

Juli Zeh: Leere Herzen. Luchterhand, München 2017; 352 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €