Es sind jetzt auch Frauen unter den Beschuldigten: Lena Dunham, Schauspielerin, Erfinderin der Serie Girls, Autorin und Herausgeberin des Feminismus-Newsletters Lenny, wird des Fehlverhaltens in der #MeToo-Debatte geziehen. Ein entscheidender Teil ihres Publikums, das akademisch gebildete, global vernetzte, identitätsbewusste, urteilt deshalb inzwischen hart ablehnend über sie. Eine Entschuldigung, die sie umgehend per Twitter an die Welt sandte, ist mit Hohnlachen quittiert worden.

Denn Dunham war, zusammen mit ihrer Co-Produzentin Jenni Konner, einem Freund beigesprungen, dem Drehbuchautor ihrer Serie Girls, Murray Miller, nachdem er von der Schauspielerin Aurora Perrineau wegen Vergewaltigung angezeigt worden war: "Unsere erste Intuition wäre zwar, jede Frau anzuhören", schrieben Dunham und Konner, "aber unser Insiderwissen über Murrays Lage lässt uns darauf vertrauen, dass diese Anschuldigung leider zu den drei Prozent der angezeigten Übergriffe gehört, bei denen es sich um Falschbeschuldigungen handelt."

Der Zweifel, mit dem die beiden Frauen hier ihren Konflikt zwischen feministischer und freundschaftlicher Solidarität formulierten, wurde in dem darauf folgenden Shitstorm hinweggeblasen. Sie hatten sich falsch entschieden: Die Überzeugung, dass man Frauen, die von Überbegriffen berichten, zunächst ohne Vorbehalte zu glauben habe, ist stark, sie hat allen Debatten über sexuelle Gewalt der letzten Jahre ihre Dynamik gegeben. Nicht selten und auch hier erwies sie sich als sakrosankt, unantastbar.

Das zeigte sich spätestens in dem Pathos, der existenziellen Ergriffenheit, mit der Dunham und Konner ihr Statement für Murray Miller widerriefen: "Als Feministinnen leben und sterben wir für unsere Politik, und Frauen zu glauben ist die erste Wahl, die wir jeden Tag aufs Neue treffen", schrieben sie und endeten mit den Worten: "Unter dem Patriarchat ist ein 'Ich glaube dir' entscheidend. Bis uns allen geglaubt wird, wird keinem von uns geglaubt."

Der Satz "Ich glaube dir" wird in dieser Darstellung in seltener Klarheit als Machtinstrument in Stellung gebracht, als Waffe der Verteidigung gegen die (Über-)Macht des Patriarchats, will sagen: gegen den Zusammenhalt unter Männern, die sich decken, und gegen Sprüche wie "Stell dich nicht so an" und "Du hast es doch provoziert", mit denen man Frauen davon abhalten kann, sexuelle Übergriffe zur Anzeige zu bringen. Und es ist immer zu begrüßen, wenn Menschen, denen Unrecht geschehen ist, Machtinstrumente in die Hand nehmen. Das emanzipative Moment der unter #MeToo versammelten Ereignisse wirkt ja tatsächlich durch eine Konjunktur des Glaubens: Menschen erzählen Geschichten, die sie jahrelang für sich behalten haben, weil sie jetzt darauf vertrauen können, dass ihnen geglaubt wird. Das ist der Befreiungsschlag.

Nur in einem darf man sich nicht täuschen: Das allein ist nicht gerecht. Und schon gar nicht, wenn es nur darum ginge, "Frauen zu glauben", wie Dunham und Konner schreiben. Feminismus, der nichts anderes wollte, als Macht für Frauen, wäre ein defizitärer Feminismus. Gerechtigkeit für alle muss schon drin sein, das heißt "Ich glaube dir" muss man zu jedem Freund, jeder Person, Geschlecht egal, sagen können, nachdem man ihre Seite der Geschichte gehört hat. Alles andere wäre keine Gleichberechtigung, sondern ewige, geschlechtergetrennte Kampfzone.

Lena Dunham haben Widerruf und Glaubensbekenntnis übrigens nicht geholfen. Sie wurde der Bigotterie beschuldigt und wie schon früher in ihrer Karriere mit Vorwürfen aus dem ganz breiten Spektrum der Race-, Class- und Gender-Fragen konfrontiert, des Missbrauchs von Privilegien geziehen, ja sogar des "Hipsterrassismus", weil sie mit Miller einen weißen Mann gegen eine schwarze Frau in Schutz genommen habe. Dunham glaubt jetzt bedingungslos an Frauen. Aber niemand glaubt ihr mehr.