ZEIT: Frau Merkel wird doch denken: Jetzt wird auch noch einer aus dem Spahn-Lager Ministerpräsident!

Kretschmer: Meinen Sie? Ich glaube, es gibt wenige Menschen, die wirklich wissen, was Frau Merkel denkt. Aber um das noch mal klar zu sagen: Wir können froh sein, dass wir Angela Merkel haben. Sie hat Deutschland sicher durch viele Krisen geführt und stark gemacht.

ZEIT: Könnte die CDU von Sebastian Kurz lernen, dem designierten neuen ÖVP-Kanzler Österreichs?

Kretschmer: Dafür kenne ich ihn zu wenig. Klar, er ist jemand, der gut formulieren kann. Andererseits wirkt manches ein bisschen ...

ZEIT: Aufgesetzt? Zu fesch, wie man in Österreich sagt?

Kretschmer: Das haben Sie gesagt. Es ist habituell etwas anderes als das, was mich anspricht. Auf mich kommt’s aber auch nicht an. Und seine 31 Prozent waren ein gutes Ergebnis in Österreich. Aber uns in Sachsen würde das nicht reichen.

ZEIT: Er koaliert mit der FPÖ. Würden Sie jemals mit der AfD koalieren?

Kretschmer: Nein.

ZEIT: Für immer?

Kretschmer: Ja. Meine Kollegen im Landtag sehen das ganz genauso. Sie haben die AfD jetzt drei Jahre lang erlebt.

ZEIT: Geht es da nur um Stil oder auch um inhaltliche Positionen?

Kretschmer: Personen und Inhalt. So wie diese Leute auftreten, so, wie sie ihre Positionen artikulieren – geht das nicht mit der CDU. Wir wollen die AfD schlagen, nicht mit ihr koalieren. Sie ist der politische Gegner.

ZEIT: Aber es gibt manche in der CDU, gerade in Sachsen, die genau so ein Bündnis fordern. Wie fangen Sie die ein?

Kretschmer: Man muss nicht immer jeden einfangen. Das wäre eine krasse Minderheitenposition. Dem, der das fordert, sage ich: Auf einem Parteitag kann er das gerne vortragen. Dann wird er eine Niederlage erleiden.

ZEIT: Gibt es, jenseits der Flüchtlingspolitik, Dinge, die die CDU anders machen muss, um künftig die AfD besiegen zu können?

Kretschmer: Das, was ich für die Flüchtlingspolitik geschildert habe, gilt generell. Wir alle haben aus den vergangenen Jahren gelernt: Es bringt nichts, Argumente, die man ablehnt, einfach zu stigmatisieren. "Darüber reden wir nicht, das gehört sich nicht, das ist nicht in Ordnung": Das wollen die Leute nicht mehr! Wir brauchen bessere Debatten und bessere Antworten. Da ist die Politik gefragt, aber auch Sie, als Journalisten, sind es.

ZEIT: Sie wollen eine harte Flüchtlingspolitik, und Sie wollen, dass es keine Sprechverbote gibt. Andererseits sagen Sie klar Nein zu einer Koalition mit der AfD. Kann es sein, dass Sie eine Art netter Populist sind?

Kretschmer: Was ist das? Wieso ist es populistisch, wenn man Haltungen aus der Bevölkerung aufgreift?

ZEIT: Deswegen sagen wir ja: netter Populist.

Kretschmer: Also, nennen Sie mich, wie Sie mögen. Aber wohin sind wir denn in diesem Land gekommen, wenn jemand, der sich wünscht, dass rechtsstaatliche Prinzipien durchgesetzt werden, in die Ecke des Populisten gerückt wird?

ZEIT: Wir versuchen es anders. Olaf Scholz hatte den Slogan: "Liberal, aber nicht doof". Könnte der Kretschmar-Slogan lauten: Rechts, aber nicht schlimm?

Kretschmer: Nein! Rechts und links sind keine Kategorien, mit denen wir die Herausforderungen der Zukunft lösen können. Schon "konservativ" ist ja ein Wort, das überall anders verstanden und ausgelegt wird. Das Wort rechts unterstellt Bedeutungen, die zu mir nicht passen. Dass ich ein rechter Politiker wäre, werden Sie nie von mir hören.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, dass Ihr Vater, der einen kleinen Handwerksbetrieb in der Lausitz besitzt, ein wichtiger Ratgeber für Sie ist. Und dass Sie überhaupt viel mehr von dem aufnehmen möchten, was die Leute an Sie herantragen. Ist Ihnen mitunter die Frage, was das Volk denkt, wichtiger als Ihre eigene Haltung?

Kretschmer: Überhaupt nicht. Am Anfang von allem steht immer die eigene Meinung. Aber gerade das darf nicht heißen, dass man bockig darauf beharrt, stets im Recht zu sein. Ich finde schon, dass wir auf die Leute hören müssen. In allem, was gesagt wird, steckt immer auch ein Fünkchen Wahrheit. Und in Ostdeutschland haben die Menschen so viele Erfahrungen, die es wert sind, gehört zu werden.

ZEIT: Wie sehr sind Sie geprägt von der Nachwendezeit?

Kretschmer: Ich habe den ersten Teil der neunziger Jahre als eine dunkle Zeit in Erinnerung. Eine Zeit der Verunsicherung. Der Zusammenbruch der Wirtschaft. Und die Fassaden waren ja wirklich noch grau und trostlos vom Verfall. In meiner Erinnerung wird es positiver, je mehr wir uns den 2000er Jahren nähern. Ich kann deshalb die DDR nicht verklärt sehen. Ich bin gottfroh über das, was nach 1990 hier durchgekämpft wurde. Daraus zieht die Mehrheit der Sachsen auch ihre Kraft und ihr Selbstvertrauen.

ZEIT: Als Kurt Biedenkopf 1990 erster sächsischer Nachwende-Ministerpräsident wurde, waren Sie 15 Jahre alt. Jetzt kommt die Generation der Wendekinder in Verantwortung. Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern, Sie in Sachsen. Kann diese Generation die Wendezeit aufarbeiten?

Kretschmer: Dass diese Generation in Verantwortung kommt, finde ich sehr gut. Natürlich müssen wir die Einschnitte und Brüche nach 1990 thematisieren. Und versuchen denjenigen zu helfen, die damals eine schwere Zeit durchgemacht haben und noch heute davon betroffen sind, beispielsweise bei der Rente. Aber ich trete jeder Umdeutung der Geschichte entgegen. Die Ursache ist nicht die Marktwirtschaft, sondern 40 Jahre Sozialismus und Misswirtschaft. Mir ist es daher wichtig, die Erinnerung wachzuhalten an das, was vor 1990 war – damit man wertschätzen kann, wie viel sich verbessert hat.