Auf den ersten Blick ist der Report nicht überraschend. Wie jedes halbe Jahr hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vergangene Woche seinen Bericht über die Lage in den Mint-Berufen veröffentlicht. Das sind jene Berufe, zu denen Mathematiker, Ingenieure und andere Naturwissenschaftler und Techniker gezählt werden. Wie jedes Jahr lautet die Botschaft: Wir haben nicht genug davon! Diesmal ist die Lücke nach Ansicht des arbeitgebernahen Instituts ganz besonders groß. 290.900 Fachkräfte fehlen den Experten zufolge. Ein Rekordwert, der mehr als 40 Prozent über den Zahlen des Vorjahres liegt.

Die spannenden Ergebnisse stecken in den Details des Reports. Etwa darin, welche Fachkräfte besonders gesucht werden. Die Mint-Lücke hat sich nämlich in ihrer Struktur verändert. So gehören zwei Drittel der offenen Stellen zu Berufen, für die es keinen universitären Abschluss braucht. Es handelt sich also um Facharbeiter, Meister und Techniker. Das steht im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung, nach der vor allem Akademiker fehlen.

Bei den IT-Experten wiederum täuscht die Wahrnehmung nicht. Die sind laut Report tatsächlich so begehrt und rar gesät, wie das in Presse und Öffentlichkeit beklagt wird. Dennoch verblüfft, wie schnell die Lücke größer wird. Fehlten dem deutschen Arbeitsmarkt 2014 erst 17 300 IT-Experten, werden drei Jahre später schon 37.000 gesucht. Mehr als doppelt so viele. Die Mint-Lücke sei IT-lastiger geworden, konstatieren die Experten in ihrem Bericht.

Zugleich ist die Zusammensetzung der Menschen, die die Mint-Lücke schließen, internationaler geworden. Überproportional stark ist der Anteil von Ausländern in diesem Bereich gestiegen. Ein Beispiel dafür sind nicht-akademische Jobs. Im Vergleich zu 2012 arbeiten dort mittlerweile 50 Prozent mehr Menschen, die nicht aus Deutschland kommen. Gäbe es diese Arbeitskräfte nicht, wäre die Situation erheblich dramatischer, denn dann würden etwa 100.000 weitere Fachkräfte fehlen.

Auch hier hält ein genauer Blick eine Überraschung bereit. Denn eine der Gruppen, bei denen die Beschäftigtenzahl im Mint-Bereich am schnellsten wächst, sind die Flüchtlinge, also Menschen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Eritrea. Seit 2016 hat sich ihre Zahl auf über 10.000 sogar fast verdoppelt. Mittlerweile sind etwa zwölf Prozent aller Flüchtlinge, die einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgehen, im Mint-Bereich beschäftigt. Diese Quote liegt zwar unter dem Schnitt der deutschen Bevölkerung, aber die Experten stimmt die Entwicklung trotzdem froh. Als erster Impuls aus der Flüchtlingsmigration. Weitere, da sind sie sich sicher, werden folgen. Alles andere wäre eine Überraschung.

Tückische Lücke

Entwicklung des Arbeitskräftebedarfs bei den IT-Expertenberufen

MINT-Herbstreport 2017 © ZEIT-GRAFIK