Axel Scheffler aus Richmond (London), der Kinderbuchillustrator, der unter anderem den berühmten Grüffelo entworfen hat, schrieb uns neulich in einer netten Postkarte, dass es sehr wohl auch Hyänen als Plüschtiere gebe, ja sogar Mikroben, Bakterien, Viren – "alles, was Sie wollen, vom Schnupfen bis zu Geschlechtskrankheiten" –, dass mithin unsere These nicht stimme, die manchen Lebewesen die Befähigung zum Kuscheltier absprechen wollte. Damit wir ihm glauben, hat er auch eine Verkaufsstelle genannt, nämlich das "Welcome Institute in London, gegenüber Euston Station" (vermutlich die Wellcome Collection, aber ein Welcome Institute ist zweifellos poetischer).

Wir haben ihm aber auch ohne den Beleg sofort geglaubt, denn die Lebenswirklichkeit schlägt immer die Metaphysik, und unsere These beruhte auf nichts anderem als der metaphysischen Vermutung, dass Parasiten, Krankheitserreger, Aasjäger dem Menschen nicht zum Liebhaben frommen. Weit gefehlt! Man kann sie sehr wohl sehr lieb haben, wie das angeführte Beispiel von Axel Schefflers Tochter (10) zeigt, die ihre Plüsch-Hyäne zärtlich "Tüpfel" nennt. Ein junger Kollege bei der ZEIT wusste sogar von Plüsch-Bandwürmern zu erzählen und dass diese "übrigens sehr niedlich" seien. Kurzum: Das menschliche Kuschelbedürfnis schreckt vor überhaupt gar nichts zurück, genau wie die menschliche Grausamkeit. Auch müssen die Vorbilder keineswegs in der Natur vorkommen, sie können genauso gut erfunden sein, wie gerade der Grüffelo lehrt, den es bekanntlich in tausenderlei Plüschformen gibt.

Anders verhält es sich mit Paddington Bär. Er heißt zwar nach einem Londoner Bahnhof, den man von der erwähnten Euston Station aus mühelos mit der Circle Line erreicht, ist aber weder der Natur nachgebildet wie eine Mikrobe des Welcome Institute (wir bleiben bei der poetischen Bezeichnung) noch eine freie Erfindung wie Schefflers Grüffelo, sondern in seiner ursprünglichen Gestalt schon ein Kuschelteddy. Wir haben es also mit der Plüschnachbildung eines Plüschtiers zu tun, sozusagen mit einem Plüschtier zweiter Ordnung. Auch philosophisch interessant. Noch aufregender wäre ein Wolpertinger als Vorlage. Wolpertinger sind Kunstwesen der alpenländischen Folklore, die aus wirklichen toten Tieren hergestellt werden, jedoch in freier Kombination von beispielsweise Hasenohren, Eulenkopf und Fuchsschwanz. Solche Mischwesen gelten als Meisterstück der Tierpräparatoren. Aber was wäre, wenn es sie auch in Kunstpelz nachgenäht gäbe? Wäre dann der Witz dahin oder die Wirkung gesteigert, weil die Begrenztheit des natürlichen Materials wegfiele? Oder wäre nur eine neue Marktlücke besetzt worden?

Wir wollen nichts ausschließen, wir wollen hier überhaupt nichts mehr ausschließen, nachdem wir gerade so nachdrücklich von der Leistungsfähigkeit der Plüschtierindustrie blamiert worden sind. Vielleicht sollten wir uns die Botschaft des Welcome Institute zu eigen machen und einfach alles ausnahmslos und freudig begrüßen. Der amerikanische Dichter Ezra Pound, der für seine faschistischen Sympathien in der Psychiatrie büßen musste, hat einmal gesagt, er denke jetzt nur noch, was die Polizei erlaube. In diesem Sinne könnten wir uns entschließen, nur noch zu schreiben, was das Londoner Institut empfiehlt. Es wäre auch ein Beitrag zu einem Journalismus, der nicht nur schlechte Laune verbreitet. Denn letztlich ist es doch ein positives Zeichen, wenn der Mensch bereit ist, auch seine Feinde zum Kuscheln herzurichten und, sagen wir, einen Bandwurm mit ins Bett zu nehmen. Oder wird damit die Willkommenskultur schon wieder übertrieben?

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