Was für großartige Helden und Giganten kannte das Altertum! Herkules trug das Fell eines Löwen, den er mit eigenen Händen erlegt hatte. Theseus war von so außerordentlicher Kraft und Schönheit, dass die Gegner ihm ihre Waffen zu Füßen legten. Odysseus entschied den Trojanischen Krieg fast allein. Im Mittelalter folgte der nächste Visionär: Kaiser Barbarossa wollte mit einem gewaltigen Heer das Heilige Land erobern. Dann kam lange nichts. Und jetzt auf einmal Thomas Ebeling! Ein Held der deutschen Gegenwart!

Was ist passiert? 1984 beginnt der sagenhafte Goldrausch des privaten Fernsehens in Deutschland. Helmut Thoma erfindet Tutti Frutti und andere fantastische Fernsehformate, mit denen RTL die Intelligenz des Landes fasziniert und die Massen vor die Glotze treibt nach dem Motto: "Im Seichten kann man nicht ertrinken." Doch Thoma bekommt Konkurrenz: Auch die Legende Leo Kirch erobert mit Sat.1 die Wohnzimmer.

Seitdem nehmen die inzwischen über vier Werbemilliarden schweren Verkäufe der Privatsender immer gigantischere Ausmaße an. Die Werbemittel versinken in den Werbepausen, in denen jeder ordentliche Mann eine Flasche Bier holt, die Familie Salzstangen futtert, auf ihren Second Screen, das Smartphone, schaut oder eine Pinkelpause einlegt. Die Agenturen freuen sich. Werden sie doch von den Sendern versorgt mit märchengleichen Umfragen und freien Werbeminuten, die sie auf eigene Rechnung verkaufen. Jedes Jahr staunen wir, dass vom Säugling bis zum Opa jeder Deutsche immer mehr Fernsehen konsumieren soll. Wer dieses Rätsel hinterfragt, gilt als gestrige Spaßbremse.

Bloß: Welcher intelligente Mensch, der einer Arbeit nachgeht, schaut täglich vier Stunden lang Fernsehen? Welcher reflektierte Mensch verbringt jeden Abend, wirklich jeden – sonst kämen diese Durchschnittswerte nicht zustande –, auf dem Sofa und schaut aufmerksam immer billiger produziertes Fernsehen aus dem Container oder Dschungel? Dem Werbekunden selbst, dessen Geld in dieser Scheinwelt aufgeht, kommt dabei nur eine Statistenrolle zu. Und das, obwohl die Reichweiten von Sat.1, RTL und Co. durch Digitalisierung, Netflix, Amazon Prime und Co. in den relevanten Zielgruppen längst dahinschmelzen, während manche Qualitätsmedien historisch hohe Reichweiten feiern. Ein Held, der dieses Kartenhaus zum Einsturz bringen könnte, war nicht vorgesehen.

Und dann kommt der Tag, an dem Thomas Ebeling, der legendäre Chef von ProSiebenSat.1, der sein Unternehmen vom Pennystock in den deutschen Aktienolymp namens Dax führte, beim Rasieren in den Spiegel schaut und entscheidet: Ich will nicht mehr. Ich muss mich ehrlich machen. Den griechischen Helden gleich, erwachsen ihm übermenschliche, götterähnliche Kräfte.

Und er spricht erstmals das aus, was viele ahnten, aber bisher niemand zu sagen wagte, und zwar ganz präzise: Seine Kernzielgruppe seien "Menschen, die leicht fettleibig und etwas arm sind, gerne auf der Couch sitzen und es wirklich mögen, sich unterhalten zu lassen". Das sei das Schlüsselpublikum, das sich nicht ändert.

Für diese heldenhafte Offenbarung gebührt ihm ein Platz in der Walhalla. Allein, wahre Helden haben es zu Lebzeiten schwer. Die Branche wird eine Fatwa gegen ihn aussprechen, ProSiebenSat.1 jagt ihn jetzt vom Hof. Wie wäre es mit seiner Aufnahme in ein Schutzprogramm für Kronzeugen? Mit einer neuen Identität und einer ordentlichen Apanage versehen, könnte Thomas Ebeling dann etwas Zeit haben, um aufmerksam Qualitätsprodukte der deutschen Medien zu lesen, zu hören oder anzuschauen, für die Tausende gut ausgebildeter Journalisten ihr Bestes geben. Vielleicht in einem Dorf im Kyffhäuser-Gebirge, wo ein anderer deutscher Held ruht: Dort schläft Barbarossa bis heute und hofft auf bessere Zeiten.