Wie glücklich war einst die Bundesrepublik! Derweil quer durch Europa unzählige Parteien am Kaleidoskop der Herrschaft drehten, schälte sich in felix Germania faktisch ein Zwei-Parteien-System heraus. Hier die Christ-, dort die Sozialdemokraten, dazwischen die geschmeidigen Liberalen, die für den Machtwechsel sorgten.

Und wenn eine Regierungsmehrheit nicht zustande kam? Dann sprang eine große Koalition ein – probeweise 1969, dann 2005-2009 und 2013 bis jetzt. Bewundernd blickte die Welt auf die neue Beständigkeit der Deutschen, hatten doch die Regierungen von Weimar manchmal schneller gewechselt als die Jahreszeiten. Am Schwarzen Sonntag war es vorbei mit der Berechenbarkeit.

Wer hat uns das angetan? Der FDP-Lindner, der lieber gar nicht als "falsch" regieren will? Wo ist der Opportunismus dieser Fast-immer-Regierungspartei? Hat Merkel ihren Touch für wolkige Kompromisse verloren? Ist gar die SPD schuld, weil sie mit ihrer Verweigerung die nationale Verantwortung verrät?

Die Anklagen treffen den Kern des Debakels nicht. Der wahre Schuldige ist die neue Zersplitterung des Parteiensystems, mit der unsere Nachbarn seit Jahrzehnten leben. Aus drei mach sechs. Grausam sind die Folgen für die beiden mittigen Volksparteien, die mal 46 und 48 Prozent holten und jetzt nur noch 20 und 33 schaffen. Die anderen vier sind keine Volks-, sondern Klientelparteien. Ganz grob: Die Linke offeriert den totalen Versorgungsstaat, die AfD profitiert von Fremdenfurcht, die FDP bedient die Aufsteiger, und die Grünen vertreten ein gut abgesichertes urbanes Milieu.

Klientelpolitik ist keine Schande, sondern Demokratie. Aber solche Parteien sind schwierige Bettgenossen. Volksparteien müssen eine Vielfalt von Wünschen unter einem Dach vereinen; Kompromiss ist ihr Geschäft. Kleinparteien aber müssen Interessen nicht integrieren, sondern zuspitzen; sonst geht die Klientel von der Fahne. Geben und Nehmen, das Schmiermittel im Koalitionsgetriebe, wird so rasch aufgebraucht – zumal zwischen Gelben und Grünen, die einander sowieso nicht ausstehen können. Wo Identitätspolitik zum Katechismus gerät, musste selbst die kaltäugige Machtverwalterin Merkel scheitern.

Der grassierende Identitarismus hat die beiden Volksparteien dezimiert, die das schlechteste Ergebnis aller Zeiten eingefahren haben. Neuwahlen, suggerieren jedenfalls die Umfragen, werden die Machtverhältnisse nicht durchrütteln. Eine Minderheitsregierung bedeutet Labilität oder Immobilität. Deshalb ein zartes Hoch auf die beiden ach so langweiligen Volksparteien. Denn: Integration ist besser als Interessen-Egoismus, der "faule" Kompromiss besser als der Grabenkampf.

Die SPD sollte aus dem Trümmerfeld von Jamaika den richtigen Schluss ziehen: Die einzig mögliche Koalition ist die große. Was, schon wieder dieser Anschlag auf das demokratische Kräftespiel? Erstens hat Schwarz-Rot das Land gut regiert, und zweitens ist diese Groko nicht mehr so groß. Laut einer Blitzumfrage am Dienstag würden Union und SPD 53 Prozent holen. Das ergäbe keine Monsterkoalition, sondern eine knappe Mehrheit – just wie es im Lehrbuch der Demokratie steht. Die Republik braucht eine halbwegs stabile Regierung und kann mit der Schrumpf-Groko gut leben. Die Demokratie kann es auch.