Kurzen Prozess haben sie mit Anton Schlecker nicht gemacht. Zwar wird das Stuttgarter Landgericht nach überschaubaren acht Monaten Verhandlung bald sein Urteil verkünden. Vorausgegangen waren seit der Insolvenz 2012 jedoch Ermittlungen über mehrere Jahre.

Drei Jahre soll der schwäbische Kaufmann ins Gefängnis, forderten die Staatsanwälte am Montag in ihrem Schlussplädoyer. Wegen mehrfachen und teils schweren Bankrotts, den Schlecker absichtlich und mit "erhöhter krimineller Energie" begangen habe, sowie einer falschen eidesstattlichen Versicherung über seine Vermögensverhältnisse. Schleckers Kinder Lars und Meike halten die Ankläger der Beihilfe und anderer Delikte für schuldig. Sie sollen für 34 beziehungsweise 32 Monate hinter Gitter.

Drei Urteile werden nächsten Montag erwartet. Damit endet nicht nur ein Strafprozess, sondern auch ein Stück deutsche Wirtschaftsgeschichte. Der Niedergang der Unternehmerfamilie hat die Politik ebenso beschäftigt wie Gewerkschaften, Medien, zahllose Lieferanten und 25 000 ehemalige Angestellte. Viele der sogenannten Schlecker-Frauen haben durch den Prozess nun erstmals erfahren, was bei den Schleckers so abging in den Krisenjahren, denen ihre Jobs zum Opfer fielen.

Was für Menschen sind die Schleckers? Gierige Raffzähne, wie es die Staatsanwälte Christoph Buchert und Thomas Böttger darstellen? Oder – so die Linie der Verteidiger – aufrichtige Unternehmer, die viele Krisen gemeistert haben und sich nur bei der letzten ein wenig überschätzten?

Wie bei früheren Prozesstagen erschienen Anton, Lars und Meike Schlecker auch am Montag wieder ganz in Schwarz gekleidet. Mit dem Rücken zum Publikum saßen sie im Saal Nummer 1 des Landgerichts und hörten schweigend den Anwaltsvorträgen zu. Hager und schmal ist Anton Schlecker geworden, 73 ist er mittlerweile. Man spürt, dass ihn die vergangenen Monate und der öffentliche Prozess mitgenommen haben. Die Fragen, die Zeugen, die Kameras, die Presse, die er sich sein Leben lang fast immer erfolgreich vom Hals gehalten hat – hier konnte er nicht mehr ausweichen.

Abwechselnd jagen die beiden Staatsanwälte durch Gutachten, würdigen einige Zeugen und sprechen anderen die Glaubwürdigkeit ab, rattern Summen rauf und runter. Millionen soll Schlecker ihrer Meinung nach vor seinen Gläubigern in Sicherheit gebracht und an seine Kinder verschoben haben, als seinem Unternehmen längst die Zahlungsunfähigkeit drohte. Spätestens im Dezember 2010 habe er das erkannt, argumentieren sie.

"Ab 2009 ging es im Unternehmen nur noch darum, Löcher zu stopfen"

Terminfragen sind entscheidend in diesem Prozess: Wann genau drohte die Zahlungsunfähigkeit? Und wann hat Schlecker das realisiert? Verurteilt werden kann er allenfalls für das, was er danach getan hat.

"Ab 2009 ging es im Unternehmen nur noch darum, Löcher zu stopfen", tragen die Staatsanwälte vor. In einer Strategiesitzung habe Schlecker selbst eingeräumt, es sei "fünf vor zwölf". Zwei Mitarbeiter der Finanzabteilung hätten ihn auf die drohende Liquiditätskrise hingewiesen. Zwar habe er noch versucht, mithilfe einer Unternehmensberatung ein Restrukturierungsprogramm zu erarbeiten, schließlich aber erkannt, dass es dafür zu spät sei. Spätestens Ende 2010 hätte Schlecker seinen Kindern kein Geld mehr zuschieben dürfen.