Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/​Reuters

Im Oktober ging der 19. Kongresses der Kommunistischen Partei von China zu Ende. Wie immer war damit die Hoffnung verbunden, dass das Land westlicher und demokratischer würde. Aber wer China ein wenig kennt, der weiß: Auch Hunderte von McDonald’s reichen nicht, um eine viertausend Jahre alte Kultur zu ändern und sie die Demütigung der Opiumkriege oder die Grausamkeiten unter den japanischen Besatzern vergessen zu lassen.

Ende der neunziger Jahre wurde ich von einem der wichtigsten chinesischen Minister zu einem Abendessen unter vier Augen eingeladen. Am Schluss der langen Unterhaltung sagte mir der Minister, die wirtschaftliche Freiheit nehme allmählich zu, aber was die politische anbetrifft, so sei China halt ein riesiges Land, und man wolle den Fehler der Russen vermeiden, deren Imperium im Reformeifer schließlich zusammenbrach. Die Chinesen würden sich nicht darauf beschränken, Lösungen von anderen nachzuahmen. Sie wollen selber erarbeiten, welche Regierungsform sich für ihr Land eigne. Was meinte er damit?

Daniel A. Bell, ein Kanadier, der in China lebt und dort an der Uni lehrt, hat ein aufschlussreiches Buch über die chinesischen Institutionen geschrieben: The China Model: Political Meritocracy and the Limits of Democracy. Das chinesische Modell ist eine interessante Mischung aus Meritokratie und Demokratie. Gemäß einem Gesetz von 1987 werden auf kommunaler Ebene die lokalen Komitees, denen die örtliche Verwaltung anvertraut wird, demokratisch gewählt. Die Komiteemitglieder werden von den Einwohnern vorgeschlagen, und von dieser Liste werden drei bis sieben für eine Amtszeit von drei Jahren gewählt.

Klar, das bedeutet nicht, dass die chinesischen Machthaber die Absicht haben, auf allen Ebenen und für das ganze Land das Prinzip "eine Person, eine Stimme" gelten zu lassen. Pragmatisch, wie sie sind, haben sie erkannt: Für lokale Fragen taugt die Demokratie am besten. Damit lässt sich auch besser erfühlen, ob und wie wirtschaftliche Reformen bei der Bevölkerung ankommen. Doch für die Führung des ganzen Staates ist in den Augen der KP die beste und effizienteste Lösung eine meritokratisch auserkorene Elite. Sie garantiert Kompetenz und entspricht der langen chinesischen Tradition der Mandarine.

Ein Schweizer Lehrbeauftragter, der an der Parteischule der KP arbeitete, hat mir erklärt, wie anspruchsvoll die Ausbildung sei. Seit 1990 sind die Prüfungen für die öffentliche Verwaltung, speziell für Führungspositionen, ultra-kompetitiv. Anders als zu Maos Zeiten geht es heute darum, was ein Prüfling tatsächlich kann, und nicht um die Frage, wie viel "revolutionäre Energie" in ihm steckt.

In Europa tut man sich mit diesem Denken unglaublich schwer. Wenn bei uns jemand in der Schule oder in seinem Job dank seiner Begabung, seinem Willen, seiner Anstrengung besser reüssiert als andere, so wird er schnell als ein asozialer Mensch betrachtet, der die anderen demütigt. Das ist absurd, ich verstehe das nicht. Vielleicht bin ich in meinem Tessiner Herzen auch ein bisschen Chinese.