Eine wirkliche sexistische Entgleisung habe ich in meiner Berufslaufbahn nur einmal erlebt. Sie zielte nicht auf meine Person, sondern auf eine Kollegin, die ich gut genug kannte, um sie zu duzen.

Ich erwähne die fünfzehn Jahre zurückliegende Begebenheit nicht, um zu ergründen, wie der Veranstalter einer Podiumsdiskussion dazu kam, meine Kollegin beim Vorgespräch in seinem Büro mit einer krassen Obszönität zu begrüßen, deren Schockwirkung er so genoss, dass er sie gleich mehrmals wiederholte. Ich erwähne sie, weil ein nicht minder schwerer Skandal darin lag, wie die Ungeheuerlichkeit von einer versammelten Runde schweigend erduldet wurde. Es saßen keineswegs nur Männer am Tisch. Was in ihnen vorging, ist nicht mein vordringlichstes Problem. Außer der Bloßgestellten, die es am schwersten gehabt hätte, geistesgegenwärtig zu protestieren, waren aber auch drei Frauen anwesend. Keine sagte einen Pieps. Ich unternahm nichts anderes, als die Hand nach meiner Kaffeetasse auszustrecken.

Machtlosigkeit? Du lieber Himmel! Ich hatte ein prima Machtmittel in der Hand. Ich hätte zu dem Blödel nur sagen müssen: Guter Mann, es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder Sie entschuldigen sich auf der Stelle coram publico und unterlassen jeden weiteren verbalen Ausfall. Oder Sie können um 20 Uhr den Hausmeister oder sonst wen aufs Podium setzen. Ich jedenfalls werde heute Abend nicht über Literatur diskutieren. Ich werde zum Bahnhof gehen und nach Hause fahren.

Was hätte ich denn allen Ernstes riskiert? Ein bisschen Tumult und erregtes Gerede. Nicht einmal eine Delle in meiner Karriere. Die Herren wären sich augenrollend einig gewesen, dass es ein Fehler gewesen sei, eine paranoide, mutmaßlich frustrierte Vogelscheuche einzuladen, die eine Gelegenheit nutzt, sich aufzuplustern. Offensichtlich wollte ich ebendiese Reaktion, dieses Image vermeiden.

Alles nachvollziehbar und sich selbst gegenüber halbwegs verzeihbar. Nur eignet sich ein solcher Vorfall nicht im Geringsten für eine Lesart, in der Frauen die Opferposition einnehmen, weil ein Mann eine schwere Beleidigung auffährt. Dass er es tut, ist eine Sache. Dass erwachsene, bestens ausgebildete, wirtschaftlich abgesicherte, in einem demokratischen Rechtsstaat lebende Frauen ihn ohne Not und manifeste Bedrohung gewähren lassen, eine ganz andere. Und fünf Jahrzehnte nach dem Beginn der neuen Frauenbewegung, knapp zwei Monate nach dem Beginn der digitalen #MeToo-Kampagne könnte es langsam an der Zeit sein, sich etwas weniger mit den Tabus des Hollywood-Geschäfts und etwas mehr mit den Tabus des weiblichen Bewusstseins zu befassen.

Vom Unterschied zwischen einem Zimmerbrand und einer glühenden Zigarette

Ich wüsste nicht, weshalb das Patriarchat im Jahr 2017 für den Mangel an weiblicher Courage, weiblicher Solidarität und für die Beharrlichkeit eines sehr speziellen weiblichen Narzissmus verantwortlich sein sollte, der sie daran hindert, dem angeblich flächendeckenden Alltagssexismus auf wehrhafte und spontan wirksame Weise zu begegnen. Will heißen: unangenehm aufzufallen. Das vermeiden Frauen gern. Es ist ihr gutes Recht und ihre Entscheidung. Aber jahrelang gegen die sogenannte gläserne Decke trommeln, dann aber hilflos zusehen, wie sich eine Männerhand unerbeten aufs Knie schiebt, ohne dem Besitzer der Hand umgehend auf die Pfoten zu hauen oder, Schritt Nummer zwei, gegebenenfalls den Ellbogen in die Rippen zu stoßen, das dürfte auf einen veritablen Widerspruch hinauslaufen: zwischen politischen und gesellschaftlichen Machtansprüchen einerseits und subjektiver Ohnmachtsbehauptung andererseits.

Ich bin, was Courage betrifft, garantiert kein Vorbild. Mir wird schon blümerant, wenn ich den Ausdruck "in die Eier treten" nur lese oder höre. Ob ich selbst in Todesgefahr in der Lage wäre, die gemeinte Handlung auszuführen, ist keineswegs sicher. In der Gruppe feministischer Zeitungsvolontärinnen (ja, so was gab’s mal!), der ich in meiner beruflichen Kükenphase angehörte, war der Running Gag "Was macht eigentlich Ursl? Die überlegt noch" in Umlauf. Ich zähle mich zu jenen Frauen, die, noch drei Tage nachdem ein Mann ihnen mit einer komischen Bemerkung kam, überlegen, ob sie mehr als komisch war und wenn ja, was zu tun gewesen wäre. Ich kann gut verstehen, dass sich eine 29-jährige Journalistin scheut, einem alten FDPler an der Hotelbar ein Glas Wein ins Gesicht zu schütten, nachdem er das Gespräch in eine ihrer Ansicht nach sexistische Richtung lenkte. Scheinheilig finde ich allerdings, dass sich die nachträgliche Bewertung der mittlerweile legendären Dirndl-Episode ausschließlich gegen das Verhalten des FDPlers richtet. Gewährenlassen ist ein wesentlicher weiblicher Beitrag zu diesem Verhalten.