Als Martin Schulz am Montag kurz vor 19 Uhr den Fraktionssaal der SPD im Bundestag verlässt, wehklagen die Genossen drinnen einfach weiter. Über die bekloppte FDP – und über die Schlechtigkeit des eigenen Parteivorstandes.

Der hatte am gleichen Morgen einstimmig beschlossen, dass die SPD nach dem Scheitern von Jamaika für eine neue große Koalition nicht zur Verfügung stünde – allen Appellen des Bundespräsidenten (und Genossen) Frank-Walter Steinmeier an die staatspolitische Verantwortung zum Trotz. Seither läuft alles auf Neuwahlen hinaus, über die sich die SPD selbst am allerwenigsten freuen kann.

Bei Neuwahlen habe man "beste Chancen, noch schlechter abzuschneiden als im September – dann sind viele hier weg", sagt eine Parlamentarierin während der Kaffeepause vor dem Fraktionssaal. 153 Abgeordnete hat die SPD in diesem Bundestag. Für manche von ihnen dürften die erhofften vier Jahre im Parlament auf vier Monate zusammenschrumpfen. "Die Stimmung da drin ist beschissen."

Martin Schulz ist zu diesem Zeitpunkt schon in den RTL-Nachrichten zu sehen: Die Groko sei abgewählt. Er, der SPD-Chef, werde zum "gegebenen Zeitpunkt" vorschlagen, wer die Partei als Kanzlerkandidat in eine Neuwahl führen werde. "Jetzt bringen wir erst mal den Parteitag hinter uns", sagt er – und murmelt hinterher: "Dann ist die Sache geklärt." Dass die Sache dann geklärt sein könnte – eben das fürchten viele in der SPD.

Der Parteitag soll schon am 7. Dezember stattfinden. Wird Schulz dort als SPD-Chef wiedergewählt, wird er auch wieder Kanzlerkandidat werden wollen, heißt es. Viele Spitzengenossen sehen in einem solchen zweiten Anlauf nur eines: die Garantie, dass die SPD ihr historisch schlechtestes Ergebnis von 20,5 Prozent noch einmal unterbieten wird. Schulz, so begründen sie das, sei bereits gewogen und für zu leicht befunden worden. Seine übellaunigen TV-Auftritte nervten nur noch. Der Tenor: "Schulz ist bei den Leuten durch."

Der Abzug der FDP aus den Jamaika-Sondierungen hat die Genossen kalt erwischt. Gerade hatten sie es sich in der Vorstellung bequem gemacht, die Partei könnte sich bis zu einer Bundestagswahl 2021 runderneuern. Bis dahin, so die Hoffnung, könne man ein zeitgemäßes Lebensgefühl versprühen und sich personell neu aufstellen. Schon zwei Jahre vor der Wahl, 2019, sollte der Kanzlerkandidat inthronisiert werden, Schulz bis dahin den Übergang moderieren. Nur: Schulz begreift sich nicht als Chef auf Zeit, er wäre gern Vorsitzender auf Dauer. Die neue Lage könnte es seinen Genossen schwer machen, ihn abzumoderieren.

Nun müssen alle in der SPD umschalten – von mittelfristig auf kurzfristig. Das Jamaika-Scheitern hat eine Dynamik ausgelöst, die auch die SPD voll erfasst. Die Strategien für 2021 sind genauso hinfällig wie alle Planungen für den nächsten Parteitag. Dass mächtige Landesverbände Schulz versichert haben, seine Wiederwahl zu unterstützen, zählt nichts mehr. Die Partei muss keinen Übergangsvorsitzenden bestätigen, sondern einen Retter ernennen. Kommt es zu Neuwahlen, dann muss die SPD nicht mehr nur ihren Status als Volkspartei bewahren – sie kämpft ums Überleben.

Fünf Personen bilden derzeit ein Gegengewicht zum Vorsitzenden. Zu diesem Machtzentrum gehören die Fraktionschefin Andrea Nahles, der Parteivize Olaf Scholz, die Ministerpräsidentinnen Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) und Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz) sowie der Mann der Stunde, Stephan Weil, der Wahlsieger in Niedersachsen. Diese fünf, so heißt es in der Partei, müssten sich nun auf eine Rollenverteilung einigen – und Schulz noch vor dem Parteitag klarmachen, dass er als alter Kandidat in dieser "komplett neuen Situation" keinen Platz mehr hat. Dass die SPD nur dann auf ein besseres Ergebnis hoffen darf, wenn sie mit einem anderen Mann antritt. Oder, noch besser: mit einer Frau.