Eine zentrale Frage des Hip-Hops lautet: Wer bekommt das größte Stück vom Kuchen ab? Dem Rapper Jace geht das nicht weit genug. Er möchte auch ein Stück vom Chicken-Döner haben, einen Bissen vom Schnitzelbrötchen, die letzte Pommes aus der Pappschale, einen Big Tasty Bacon von McDonald’s, einen Nutella-Toast, Thunfischpizza und ein Schlückchen aus der Cola-Flasche. Man kann sagen: Dieser junge Mann ist der hungrigste Rapper Hamburgs. Er selbst sagt: "Egal was du hast / Gib mir was ab".

Mit dem Song Extra alles von seinem Mini-Album Vorschuss offenbart Jace nicht nur ein tendenziell erotisches Verhältnis zu gesättigten Fettsäuren und isolierten Kohlenhydraten – lustvoller als er hat schon lange niemand mehr über das große Fressen an den Stehtischen deutscher Imbissbuden und Schnellrestaurants gerappt. Der Wortführer der Flavour Gang aus Eppendorf und Groß Borstel demonstriert mit dem Stück auch Traditionsbewusstsein. Hip-Hop und der meist unverantwortliche Umgang mit Nahrungsmitteln vereint eine bewegte Geschichte.

Im Videoclip zu (You Gotta) Fight For Your Right (To Party) stifteten die Beastie Boys schon vor 31 Jahren zur ersten Tortenschlacht der MTV-Ära an. Dann kamen die Neunziger, und jeder Rapper, der etwas auf sich hielt, hatte einen Song über das Soulfood seiner Wahl im Repertoire. Durch besondere Originalität tat sich LL Cool J hervor: Mit der erweiterten Sexmetapher Milky Cereal schrieb er den wahrscheinlich jugendgefährdendsten Müsli-Rap aller Zeiten.

Jace sieht mit Topfschnitt, Milchbart und Teiggesicht nicht nur aus wie eine Seite aus Omas Rezeptsammlung. Er fügt auch dem Müsli-Rap ein neues Kapitel hinzu. Zierten seine ersten Veröffentlichungen noch abgewandelte Maskottchen von diversen Cornflakes-Packungen, schaufelt sich der Künstler auf dem Vorschuss- Cover nun eine Schüssel Kleingeld-Müsli rein. Anders als bei LL Cool J hat diese Mahlzeit jedoch nichts mit Machtdemonstration, Geilheit oder sonstiger Statussymbolik zu tun. Jace isst einfach, weil es ihm schmeckt.

Liebe, Sex, Frauen, Männer, Reichtum – all das kommt auf Vorschuss nicht vor. Das Interesse von Jace gilt eher der eigenen Crew, dem Rauchen, Trinken und Herumstehen vor Wahrzeichen der Hamburger Innenstadt wie dem Apple Store auf dem Jungfernstieg. Dass der Rapper dabei Jogginghose trägt, ist eine Frage des praktischen Stretchbundes und zugleich kalkulierte Stillosigkeit. Jace rappt nicht nur über Schnitzelbrötchen. Er offenbart auch eine dazu passende labbrige Lebenseinstellung.

Ob Jace ein guter Rapper ist, lässt sich anhand von Vorschuss nicht abschließend klären. Statt im herkömmlichen Sinne zu rappen, setzt der Künstler auf einen Stakkato-Stil, der keinen Unterschied zwischen starken und schwachen Silben macht. Die Resultate sind mitunter schwindelerregend: Ein Stück namens No Hate klingt nach Tobsucht, entpuppt sich jedoch als Plädoyer für allgemeines Lockermachen.

Die scharfkantigen Wortketten von Jace haben ihren Ursprung in den Südstaaten der USA. Der sogenannte Trap-Rap verhandelte dort zunächst Alltag und Handwerk des Drogenverkaufs, entwickelte sich in Städten wie Atlanta, Memphis und Miami jedoch zur tonangebenden Clubmusik der vergangenen zehn Jahre. Für eine ähnliche Erfolgsgeschichte dürfte dem Hansa-Trap auf Vorschuss der letzte Ehrgeiz fehlen. Jace adaptiert den Gestus und Sound seiner Vorbilder technisch tadellos, bleibt aber dort genügsam, wo sich der beste US-Trap zu Exzentrik und Größenwahn aufschwingt. Die größte Gefahr in der Welt des Hamburger Rappers? Tod durch Überfressen.