Junge Deutsch-Vietnamesen wollen endlich ihre Vor- und Nachwendegeschichte aufarbeiten. Denn da ist bis heute ein Riss.

Es gibt, so kann man das wohl sagen, auch unter Deutsch-Vietnamesen Ost- und Westbiografien, und die von Dan Thy Nguyen und Quynh Tran stehen sinnbildlich für viele.

Der eine, Dan Thy Nguyen, 33 Jahre alt, Theaterregisseur und Schauspieler, sitzt in seiner Hamburger Wohnung und erzählt sehr leise die Geschichte seiner Großmutter, die beinahe 20 Jahre lang ihr Haus in Aachen nicht verlassen habe, aus Angst vor Fremdenfeinden. Unweit von Aachen wurde er 1984 geboren, als Sohn sogenannter Boatpeople, ein paar Jahre nach der Flucht seiner Eltern.

Die andere, Quynh Tran, sitzt in einem Berliner Café und erzählt von ihrer "langsamen Wessi-Werdung": Sie, 1987 in Hanoi auf die Welt gekommen, kam mit vier Jahren in den Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg, machte Abi in Friedrichshain, studierte in Berlin, Paris und New York. Deutschland fand sie anfangs schockierend: "In den Neunzigern wurden meine Eltern überall wie Dummköpfe behandelt. Mein Vater hatte in Vietnam als Arzt gearbeitet. Sie wurden die ganze Zeit verbal angegriffen. Sie leiden bis heute darunter." Quynh Tran kam als Tochter von Vertragsarbeitern in der Nachwendezeit nach Berlin, nachdem ihre Mutter bereits seit Frühjahr 1989 in der DDR gewesen war.

Wessis und Ossis eben

Boatpeople und Vertragsarbeiter und deren jeweilige Nachfahren, aus diesen beiden Gruppen besteht die deutsch-vietnamesische Community in der Bundesrepublik zu großen Teilen. Die einen, die Boatpeople, kamen vor dem Mauerfall vor allem in der alten Bundesrepublik an, die anderen, die Vertragsarbeiter, in der DDR. Bis heute, so versichern es nicht nur Dan Thy Nguyen und Quynh Tran, sei es mitunter so, als gebe es einen unsichtbaren Graben zwischen diesen Gruppen. Wessis und Ossis eben. Aber kaum jemand kennt diese Geschichte. Obwohl sie der Ost-West-Geschichte der Deutschen so ähnelt. Und obwohl junge Deutsch-Vietnamesen jetzt anfangen, diese Geschichte aufzuarbeiten; zu diskutieren.

Rund 1,6 Millionen Menschen flohen als Boatpeople nach dem Ende des Vietnamkrieges und der Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam 1975 aus ihrem nun von Kommunisten regierten Land. Über 30.000 von ihnen nahm die Bundesrepublik damals auf – und hieß sie so sehr willkommen wie wohl keine andere Migrantengruppe. "Wir waren die richtigen Flüchtlinge zur richtigen Zeit", sagt Dan Thy Nguyen in seiner Hamburger Wohnung, ein bisschen sarkastisch. Die Boatpeople hatten sich auf kleine Inseln ins Südchinesische Meer gerettet, weil ihnen nach dem Systemwechsel in Vietnam Statusverlust und Enteignung, Umerziehungslager oder sogar Exekution drohten. Fast 250.000 Menschen sollen auf dieser Flucht ums Leben gekommen sein, viele wurden ausgeraubt, die Frauen vergewaltigt. Dan Thy trägt den Namen eines älteren Bruders, der damals gestorben ist.

Die Vertragsarbeiter der DDR wiederum waren mehr oder weniger Profiteure des neuen Systems im kommunistischen Vietnam. Sie wurden, vor allem in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, ganz offiziell von der Volksrepublik Vietnam zum Arbeiten in die befreundete DDR geschickt. Rund 69.000 kamen im Laufe der Jahre – so viele wie aus keinem anderen Land. Sie wohnten in organisierten Unterkünften, wurden ziemlich flächendeckend von Staat und Staatssicherheit überwacht, zu viele private Kontakte mit DDR-Bürgern wurden kritisch beäugt – und wenn die Frauen schwanger waren, wurden sie zur Abtreibung gezwungen oder nach Hause geschickt.

Die Kinder der Vertragsarbeiter also kamen alle erst nach dem Mauerfall auf die Welt, sind heute nicht älter als 27 Jahre. Dennoch erinnern sich viele Vertragsarbeiter an die Zeit vor dem Mauerfall auch als eine sorglose, glückliche. "Meine Mutter hat die DDR als Ordnungsraum in Erinnerung", sagt Quynh Tran.