Hektisch richtet die SS-Generalin Irene Engel ihre Luger auf den Partisanen B. J. Blazkowiczs, um ihm, dem polnischen Untermenschen, eine Kugel in den Kopf zu schießen. Doch Blazkowiczs ist schneller. Er zückt ein Beil und hackt ihr kurzerhand den Arm ab. Drückt sie runter und spaltet mit einem gezielten Hieb ihren Schädel, bis Knochensplitter und Hirnmasse durch die Gegend spritzen.

Das kürzlich erschienene Ego-Shooter-Spiel Wolfenstein 2: The New Colossus führt durch eine kontrafaktische Welt, in der die Nazis ihre Widersacher ausgeräuchert und die USA geknechtet haben. SS-Männer patrouillieren nun durch die mit Hakenkreuzen beflaggten Straßen New Yorks. Widerstand leistet nur eine kleine Rotte um Blazkowiczs, in dessen Haut der Spieler schlüpft.

Den Nationalsozialismus als den alternate history-Plot eines blutrünstigen Videospiels benutzen – darf man das? Verharmlost es nicht die Judenverfolgung, wenn man dem Grauen auf diese Weise noch etwas Konsumierbares, Unterhaltendes abpresst?

So kann man es sehen, und so sieht es in Deutschland auch die Rechtsprechung. Während hierzulande verfassungsfeindliche Symbole wie etwa das Hakenkreuz in Filmen wie Indiana Jones problemlos verwendet werden dürfen, bleibt Videospielen dieses Privileg untersagt. Da sie nun mal eben keine Kunst seien, wie ein bis heute unwidersprochenes Gerichtsurteil dekretiert, das aus einer Zeit stammt, 1998, als ein Computer langsamer war als ein heutiger Taschenrechner.

Die Wolfenstein- Macher haben daher, aus Angst vor Klagen und Indizierungsverfahren, sämtliche NS-Bezüge aus der deutschen Version getilgt. Aus Adolf Hitler wird der nassrasierte Herr Heiler, und während Blazkowiczs’ Mutter im US-Original als Jüdin ins Vernichtungslager kommt, fällt sie nun in der deutschen Version einem namenlosen Fantasiefaschisten-Regime zum Opfer.

Schuld an dieser Quasi-Holocaustleugnung mit anderen Mitteln trägt ein Kunstverständnis, das Videospielen immer noch mit Kant begegnet: Kunst könne nur etwas Nicht-Interaktives sein, das seinem Rezipienten äußerlich gegenübertritt. Dadurch wird ausgeblendet, dass in Videospielen gerade das intensive Miterleben Reflexionsprozesse auslöst. Womöglich gar stärker, als es, salopp gefragt, ein Bild an der Museumswand könnte?

Zwar zeigt Wolfenstein 2 die Nazis als laborgezüchtete Techno-Mutanten, aber immerhin doch: als Nazis. Ihr Vernichtungswahn wird klar benannt und erklärt. Das ist erfrischend aufklärerisch im Vergleich etwa zu einem ZDF-Bericht vor zwei Wochen, der Hitlergrüße eines Warschauer Rechten-Aufmarschs als Europaskepsis verschleierte. Oder zum Urteil eines Wuppertaler Gerichts, das den Brandanschlag auf eine Synagoge vor zwei Jahren als Israelkritik wertete, die keinen Judenhass erkennen lasse.

Sicher: Wolfenstein 2 setzt kalkuliert auf "Drittes Reich"-Grusel, und wer dumpfen Pixel-Nazis mit Sturmgewehr und Handgranate einheizt, wird dadurch nicht automatisch empfänglich für das Leiden der Schoah-Opfer. Aber wenn das der Maßstab sein sollte, müsste man auch die allabendliche Hitler-Revue auf N24 indizieren.