Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Advent. Eine Zeit, in der wir unterwegs sind nach Weihnachten. Natürlich gemeinsam. Noch wichtiger als das Wir ist nur der Weg. Wir machen uns auf den Weg zur Krippe. Viele Christenmenschen tun das bevorzugt im Sitzen, und dabei hören sie das Weihnachtsoratorium oder balancieren den Laptop auf den Knien, während sie in der einen Hand die Teetasse halten und mit der anderen stundenlang durch die Online-Versandhäuser scrollen, um Geschenke für ihre Liebsten zu finden. Mir ist dabei immer die Hand eingeschlafen, deswegen schenke ich meiner Familie zu Weihnachten nichts mehr. Außer Liebe und Zeit.

Führt einen der Weg nach Weihnachten doch tatsächlich mal nach draußen, dann in die Schlange am Glühweinstand oder in die letzten analogen Kaufhäuser, in denen an den Samstagen vor Heiligabend mehr Schieben als Gehen möglich ist. Obwohl das Sofa oder der Schreibtischstuhl der Lebensrealität einer sitzenden Bevölkerung weitaus mehr entsprechen, ist allenthalben vom Weg die Rede. Er ist die Lieblingsmetapher schlechthin, nicht etwa des Deutschen Alpenvereins, sondern der Kirchen. Wir wollen den neuen Wegen vertrauen, zumindest singen wir das so, und sind angehalten, unsere Wege demjenigen anzubefehlen, der von sich sagt: "Ich bin der Weg." Außerhalb des Gottesdienstes ist allerdings weniger die Rede vom Weg zum Leben denn von den Lebenswegen.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich in den vergangenen Jahren von wohlmeinenden Menschen vereinnahmt wurde, mit ihnen auf dem Weg zu sein. Das Ziel spielt dabei meist weniger eine Rolle, vielmehr soll dieses Bild Aktivität und Vorankommen suggerieren. Der Weg kennt nur das Vorwärts. Alles, was nach Stagnation oder Pause aussehen könnte, wird als "steinige Strecke" in das Wege-Motiv inkorporiert. Auf Liberaldemokratisch nennt man das wohl "dornige Chancen". Dass der Weg ein gangbarer ist, darum bitten die irischen Segenswünsche, die den postmodernen Menschen seine mahnende Schrittzähler-App vergessen und ihn im Geiste munter von Kerry nach Galway wandern lassen. Barfuß über grüne Wiesen: "Möge die Straße uns zusammenführen/ und der Wind in deinem Rücken sein./ Sanft falle Regen auf deine Felder/ und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein."

Die christlich-sozialpädagogische Rhetorik macht uns alle zu Pilgern, und letztlich sind wir das auch. Das irdische Leben ist ein vorläufiges. Was da abläuft und verrinnt, ist die Zeit, und die meinen wir eigentlich, wenn wir "Weg" sagen. Aber ich bin längst nicht immer unterwegs. Hier und da taucht vorübergehend das Reich Gottes auf, so wie die Erdbeerstände im Sommer, und da bin ich dann Bewohnerin. Auch nur vorläufig, aber mit der Aussicht, mich einmal dauerhaft dort niederlassen zu können.

Bis dahin will ich mir das alltägliche Verweilen, das Auf-der-grünen-Aue-geweidet-Werden, von den christlichen Reiseleitern nicht nehmen lassen. Denn manchmal, gerade im Advent, ist alles, was ich will, ein Sofa. Einfach mal sitzen bleiben.