Der Immobilienspekulant von heute wirkt so sympathisch wie die Wohnung, die er vermietet. Dominik Weber (der Name ist ein Pseudonym), wuschelige Frisur, schwarze Brille und Turnschuhe, öffnet die Tür seiner Altbauwohnung. Ein Ikea-Bett, eine alte Couch, einen Fernseher reingestellt und die Wände gestrichen, fertig. "Wir haben’s billig eingerichtet, kommt aber gut an bei den Leuten", sagt Weber und grinst. Der 29-jährige WU-Absolvent ist Airbnb-Vermieter, nächstes Jahr möchte er mit einem Kompagnon auf vier bis fünf Wohnungen expandieren. Praktischerweise gehört den zwei jungen Männern bereits das ganze Zinshaus. "Wir wollen die Ladenbesitzer unten rausbekommen", erzählt Weber freimütig, "und vielleicht holen wir noch einen Investor rein, verkaufen ihm eine Wohnung und managen das für ihn."

Airbnb heißt die größte der vielen Plattformen im Internet, die das Kurzvermieten von Unterkünften extrem vereinfacht haben und Großstädte vor Probleme stellen. In Wien passiert zwar alles sprichwörtlich zeitversetzt, aber auch hier fordern Airbnb und dessen Klone die Hotelbranche heraus. Außerdem verknappen sie den Wohnraum, werfen Kritiker den digitalen Herbergsbörsen vor, und treiben dadurch auch die Mieten in die Höhe. Zwischen der Stadt Wien und den Portalen ist darum gerade ein Kräftemessen im Gange. Formal geht es der Stadt um die Ortstaxe und faire Tourismusabgaben, dahinter steht die Frage, auf welche Weise Plattformen wie Airbnb und Uber grundsätzlich gezügelt werden können.

In Berlin, Amsterdam oder Barcelona wird wegen der Touristenströme längst um die Zukunft ganzer Stadtteile gerungen. Doch das "Zweckentfremdungsverbot von Wohnraum" in der deutschen Hauptstadt etwa schreckt viele Airbnb-Gastgeber trotz hoher Strafen nicht ab. In Wien will man der Plattformen seit Februar mit der Novelle des Tourismusförderungsgesetzes Herr werden: Diese müssen nun monatlich alle Daten ihrer Vermieter an den Magistrat schicken. "Es gibt in Wien keinen gesetzlichen Graubereich, entscheidend ist wie in allen Großstädten die Möglichkeit des Vollzugs", sagt der zuständige Beamte Klemens Himpele. Der 40-jährige Leiter der MA 23, blaues Slim-Fit-Hemd, dicker Krawattenknoten, wirkt nicht wie ein typischer Magistratsbeamter, nicht nur weil er Deutscher ist, auch weil er regelmäßig Interviews gibt und twittert. Eine Stadt könne Airbnb theoretisch ignorieren, verbieten oder in geregelte Bahnen lenken; Letzteres mache Wien, sagt Himpele.

Nach einer gut halbjährigen Schonfrist wird es nun eng. 16 Online-Dienste hat die Stadt identifiziert, acht lieferten die Daten rechtzeitig. Sechs ließen die Frist hingegen verstreichen und werden es wohl auf einen Rechtsstreit um die Strafbescheide von bis zu 2.100 Euro – je fehlenden Namen – anlegen. Zu ihnen zählen Housetrip und die deutsche Plattform Wimdu. Mit zwei Unternehmen verhandelt Wien noch, darunter Airbnb. Die Amerikaner sind an einer Lösung interessiert, bei der sie die Ortstaxe selbst einheben, und haben wenig Lust, alle Namen herauszurücken. Eine solche Vereinbarung habe Airbnb weltweit mit mehr als 340 Städten und Gemeinden geschlossen, sagt eine Sprecherin der Plattform. Die Einigung müsse auf jeden Fall überprüfbar sein, heißt es aus der MA 23.

Das Silicon-Valley-Unternehmen Airbnb lebt auch von seinem Gründungsmythos. Miterfinder Brian Chesky erzählt gern, wie man 2007 in San Francisco einfach Luftmatratzen (airbeds) aufgeblasen und Frühstück angeboten habe, um Konferenzteilnehmern eine Bleibe anzubieten. Heute hat Airbnb weltweit etwa drei Millionen Unterkünfte im Portfolio, ohne eine einzige Immobilie zu besitzen. Doch mit der vermeintlich sozialen Sharing-Economy hat die Wirklichkeit oft nur wenig zu tun.

Auch Airbnb-Vermieter Weber wittert leicht verdientes Geld. Wenn er die Altmieter im Erdgeschoß einmal los ist, will er im Frühjahr die Gewerbeberechtigung erlangen. Derzeit zahle er noch nicht einmal Steuern, darum will er auch anonym bleiben und bittet, die Lage seiner Unterkunft im Ungefähren zu lassen. Seine aktuelle Berufsbezeichnung? "Ist das schon Hotelier? Ich weiß es selbst nicht", sagt er. Die TU Wien schreibt in einer Studie, allein der Bundeshauptstadt werden durch Airbnb rund 2.000 Wohnungen dauerhaft entzogen. "Rund 20 Prozent der Angebote sind von Großvermietern mit mehr als fünf Unterkünften. Das läuft oft auf ein über die Stadt verteiltes Hotel hinaus", erklärt TU-Studienautor Roman Seidl. Airbnb weist für Wien mehr als 9.000 Unterkünfte aus, den Schätzungen und Ergebnissen der TU-Studie widerspricht das Unternehmen.

Wie viel an Steuern private Vermieter dem Staat vorenthalten, weiß die Finanz nicht

"Die Daten sind Airbnb heilig, die Stadt Wien wird sie nie und nimmer bekommen", glaubt Michaela Reitterer, Präsidentin der Hoteliervereinigung, und findet das Vorgehen von Bund und Stadt viel zu lasch. Mit energischen Schritten führt die 53-Jährige durch das Boutiquehotel Stadthalle, vorbei an der Lobby mit bunten Samtsofas und frisch polierten Tischchen. 30 Mitarbeiterinnen halten das Drei-Sterne-Haus in Schuss. Reitterer will ihr Hotel auch als Anschauungsobjekt für unverschämte Auflagen verstanden wissen. Die Vorhänge und Teppiche müssten nicht nur schwer entflammbar sein, nein, auch für jedes Zimmer müsse sie eine separate Verlegebestätigung der Teppichfirma einreichen. "Die Airbnb-Leute hängen einen Vorhang vom Möbeldiskonter rein, aber uns quält man", sagt sie.