Natürlich, man kann nie genug über Sex wissen. Aber die Frage ist doch, wo und wie sich darüber am besten reden lässt. Auf die Idee, dass man über das Intimste, das Persönlichste des eigenen Lebens am besten in einer Gruppe, die man sich nicht ausgesucht hat – einer Schulklasse –, von jemandem etwas erzählt bekommt, der einem nicht nahesteht – dem Lehrer –, auf diese Idee muss man erst mal kommen.

Sex, das ist in seinem Kern Scham und Schamlosigkeit. Und dafür soll ausgerechnet ein Klassenzimmer der ideale Entfaltungsraum sein? Ja, doch, diese Vorstellung gilt unter aufgeklärten Menschen als gesetzt – so auch in der Titelgeschichte der ZEIT Nr. 47/2017 Wie aufklären?. Wer das anzweifelt, steht als verklemmt, wenn nicht als reaktionär da.

Wie fänden wir Erwachsenen das, wenn wir vom Betrieb mit unseren Arbeitskollegen einmal jährlich binnen zwei Wochen auf den jeweils neuen Stand der Sexualkunde gebracht würden? Ist ja eine wichtige Sache, Sex, und relevant für Gesundheit und Wohlbefinden, also etwas, worum sich ein guter Arbeitgeber kümmern sollte, so wie, sagen wir, Yoga in der Kantine, Massagen in der Mittagspause oder eine Brandschutzübung.

28 Bürokollegen in einem Raum, der Abteilungsleiter bringt eine Salatgurke und Kondome mit, wir schauen noch mal gemeinsam, ob alle das mit dem Abrollen richtig können und ob wir das alles hinterher auch hygienisch zu entsorgen wissen. Für anschließende Fragen ist natürlich auch noch Raum. Hat jemand noch eine Frage?

Nun kann man einwenden, das werde sicher lustig, oder argumentieren, wir wüssten das alles schon. (Wirklich, was noch mal war gleich der Cunnilingus? Was meint der Kollege aus der IT dazu? Und kann man dabei HIV übertragen? Weiß das die Kollegin aus der Buchhaltung?) Man kann aber auch finden, dass man nicht unbedingt mit 27 Kolleginnen und Kollegen das Sexualleben des Menschen, vom eigenen ganz abgesehen, erörtert sehen möchte.

Man könnte zum Beispiel der Ansicht sein, dass Scham den Sex erst intim macht, berührend, persönlich. Oder dass die wesentlichen Dinge, auf die es bei erfüllter Sexualität ankommt, vielleicht gerade keine Dinge sind, sondern Gedanken und Gefühle, gezeigte, entdeckte, erwiderte Zärtlichkeiten. Oder, ganz im Gegenteil, wilde und wüste, schmutzige und laute Experimente mit sich selbst und einem anderen oder mehreren. Das alles können feine Momente sein – aber was, noch mal, ist damit gewonnen, darüber abteilungsweise im Büro zu reden?

Unseren Kindern muten wir genau das zu: 28 Kinder und der Mathelehrer, in der vierten Stunde, nach Englisch und vor Erdkunde, sollen sich mal eben locker machen. Warum eigentlich? Weil wir denken, dass ihnen Scham und Intimität fremd sind? Weil der Unterricht bloß Wissen vermittelt, das doch überall verfügbar ist, und Phänomene verhandelt, die nicht persönlich, nicht privat sind? Aber erklärt dieser Aufklärungsunterricht dann überhaupt etwas vom Kern dessen, was Sex ausmacht?

Womöglich wahrt Pornokonsum die Schamgrenzen mehr als mancher Unterricht

Dabei sollte gerade jeder, dem am Sex gelegen ist, ihn vor der Verschulung bewahren: Seit Anbeginn des Aufklärungsunterrichts wird dort wahlweise geschwindelt oder geheuchelt. Das ist seit 1968 vielleicht anders, aber nicht besser geworden.

Und so nimmt öffentliche Sexualkunde heute schnell eine von zwei Formen an: Entweder bleibt sie rein technisch – und ist dann zwar expliziter als das, was man vor 50 Jahren mit Blüten und Bienen versuchte, bleibt aber letztlich Sexaufklärung ohne Sex. Oder sie wird konkret und direkt und detailliert ("Christian, nehmen Sie doch mal diese Gussform hier, spüren Sie von der Klitoris schon was?"), und da möchte man lieber sehr weit weg sein.

Nun kann man einwenden, solche Empfindlichkeiten hätten sich im Zeitalter angeblich omnipräsenter Pornografie längst erledigt: Ist nicht das, was da im Internet geboten wird, ungleich viel wilder und gefährlicher als alles, was staatlich organisierte Sexualkunde an Harmlosigkeiten auffahren kann?